Heute Abend vor fünf Jahren hat LOST am 22. September 2004 zum ersten Mal die Massen begeistert und dabei mit dem rund 12 Mio. teuren Pilotfilm über 18 Millionen Leute erreicht, von denen kaum jemand während der ersten 25 Episoden abschalten wollte. Ein Kult war geboren.

Für den Rest dieser Woche wollen wir uns an alle bisherigen Staffeln erinnern und am Sonntag noch einen kurzen Vorausblick wagen. Los geht es heute mit David, der sich Staffel 1 vorgenommen hat.


Moral unter Palmen

Die erste Staffel LOST: Mehr Mensch als Mysterium

Kann man sich zur Zeit eine Lost-Welt ohne Dharma Initiative vorstellen? Ohne Charles Widmore? Ohne Desmond und Penny? Ohne Spekulationen über Zeitreisen oder sogar Paralleluniversen, ohne Schwangerschaftsprobleme, Frachterrüpel und scheinbar unendlich unentdeckte Geheimstationen? Nein, eigentlich nicht.

Aber wie schon Bruce Willis den genialen Paul McGuigan-Film „Lucky Number Slevin“ eröffnete, so lässt sich auch bei Lost feststellen: „Es gab eine Zeit...“


In der ersten der bisher fünf Staffeln lernen wir in 25 Episoden die Absturzopfer von Flug 815 kennen. Dass die Serie so erfolgreich und bei Kritikern beliebt wurde, lag an der Art, WIE wir sie kennenlernen. Denn durch nicht eindeutig definierbare Figurenkonstrukte, wie es sonst in Serien oft der Fall ist, machten die Erfinder das Geschehen auf der Insel interessant. Damit sind nicht die allgemeinen und auch schon typischen Wendungen gemeint, wie „Die hübsche Kate entpuppt sich als gefährlich“, sondern mehr die Feinheiten. Wenn man zum Beispiel eine Figur mit dem Namen Sawyer einführt, der einen Brief bei sich trägt, in dem ein Junge ihm schreibt, er werde ihn finden um sich für den Tod seiner Eltern zu rächen, und den Spieß in der auf Sawyer-zentrierten Folge dann so umkehrt, dass am Ende Sawyer selbst der Jäger ist der sich den Namen des Gejagten gegeben hat, weil er aus Not ähnliches getan hat, beweist das ein gewisses Talent dafür, Figuren und Geschichten zu erzählen.

Überhaupt gehört die achte Folge mit dem Titel „Confidence Man“ zu den beeindruckendsten der ersten Staffel. Denn hier zeigt sich sehr gut die Herangehensweise der Macher an die Serie. „Wir wollten am Anfang ein Bild eines Charakters zeichnen, was wir jeder Zeit mit wenigen Elementen komplett umwerfen können“. Sawyer wird also als Tyrann und Egoman gezeichnet, nie freundlich, immer auf den eigenen Profit aus. Er findet ein Buch, das zusammen mit Shannons Asthmaspray im Koffer lag. Als eben dieses verschwindet, muss es Sawyer gewesen sein. Man stellt ihm keine Frage, man fordert ihn auf, es herauszurücken. Dies tut er nicht und die ganze Folge über, ob man jetzt Sawyer Sympathisant oder nicht ist, fragt man sich, warum er so hart bleibt, geht es doch um ein junges Menschenleben. Und am Ende halten die Macher durch Sawyers Figur dem Publikum und allen Inselbewohnern den Spiegel vor, mit der einfachsten aller Auflösungen: Sawyer hat das Medikament nie gehabt. Aber das wollte ja keiner von ihm wissen.

Solche Erzählraffinessen sind es, die die erste Staffel zu einem ganz besonderen Fernseherlebnis machen. Trotz des groß angelegten Themas eines Flugzeugabsturzes überzeugt Lost im Kleinen. So fern für die meisten die Situation ist, auf einer einsamen Insel ohne Aussicht auf Rettung überleben zu müssen, so menschlich und nah am Leben sind die Themen, die Damon Lindelof und Carlton Cuse zum Schwerpunkt der Serie machen. Die Existenzberechtigung der Gestrandeten und der Serie selbst ist natürlich herauszufinden, was es mit den damals schon vorhandenen Unstimmigkeiten und Mysterien, wie Urwaldmonster und französische Hilferufe, auf sich hat. Doch dies blieb stets ein roter Faden im Hintergrund, an dem man dann in aller Ruhe die 14 Hauptcharaktere und ihre Geschichten erklärte.


Syd Field zufolge gibt es zwei Wege ein Drehbuch zu schreiben. Entweder man hat eine Geschichte zu erzählen und entwickelt passende Figuren dazu, oder man hat Figuren entworfen und konstruiert dann für diese eine Geschichte. Die erste Staffel Lost schafft in einer beeindruckenden Weise beides. Jede Figur ist glaubhaft erzählt und passt trotzdem immer in die Gesamthandlung. Staffel eins bleibt die einzige der bisherigen fünf, die keine schwache oder schwächere Folge beinhaltet. Vom anfänglichen Einfinden auf der Insel über das Auftauchen einer Luke bis hin zum Fluchtplan per Floß sind alle 25 Folgen anders spannend und auf ihre Art faszinierend. Und das ganz ohne dafür durch die Zeit reisen zu müssen.



David Segler für LOST-fans.de