Inzwischen ist es bereits vier Jahre her, dass wir endlich erfahren haben, was sich hinter der Luke befindet. Außerdem lernten wir damals die Dharma Initiative kennen, und Desmond hat uns verraten, warum der Oceanic-Flug 815 abgestürzt ist.

Harry ist heute an der Reihe, die zweite Staffel noch einmal Revue passieren zu lassen.


Insel der 1000 Facetten

Staffel 2: Runter in den Hatch, rüber zu den Tailies,
rund um die Insel und ab zu den Anderen.



Während die erste Staffel ihr bestes tat, um uns mit allen Charakteren vertraut zu machen, schöpfte die zweite Staffel das Potential der Serie an einer ganz anderen Stelle aus. Immerhin haben wir es ja mit einer Insel unbekannter Größe zu tun, die an einer unbekannten Stelle auf der Weltkugel mit vielen unbekannten Phänomenen aufwartet.

Das größte S1-Rätsel hat uns dabei zum ersten Mal gelehrt, was es heißt zu warten. Lost wäre vielleicht nicht zum großen Phänomen geworden, das wir kennen, wenn uns die Autoren nicht mit einem unglaublich unbefriedigenden Cliffhanger einen Sommer unseres Lebens geraubt hätten. Jeder wollte am Ende von Staffel 1 wissen, was sich in der Luke befindet, und niemand hat es erfahren. So gingen Monate voller Spekulationen und verrückter Theorien los. Wartet hinter der Luke eine ganze Stadt? Der Mittelpunkt der Erde? Eine weitere blöde Luke? Sandra Bullock? Nein, die Antwort war eine ganz andere und der Grundstein zum neuen „Lost“: Die Dharma Initiative. Der Auftakt führte zudem eine kleine Tradition ein: Am Ende der ersten Szene konnte man sich einfach nur denken: „Ach HIER stecken wir also!“.

Nach und nach gab man den Figuren durch die Idee der verstreuten Bunker und der Dharma Initiative also mehr und mehr Platz um neue Probleme und Lösungen zu finden (und eine üppige Vorratskammer zum Überleben) und trieb damit die Story rund um die scheinbar längst vergessene Erforschung der wissenschaftlichen Sonderheiten der Insel langsam voran. Die Einführung neuer Charaktere auf einer anderen Seite der Insel mag im Nachhinein betrachtet eher ein Lückenfüller gewesen sein (von Bernard mal abgesehen), lieferte aber weitere interessante Einblicke in den Kampf ums Überleben in Extremsituationen. Außerdem waren die „Tailies“ ein gekonnt geschmiedetes Gegenstück zum langsamen Erzähltempo der ersten Staffel, wurden ihre ersten 48 Tage doch einfach in eine Folge gequetscht, wie es die Actionfans unter den Zuschauern öfter gerne gesehen hätten.

Im gesamten Verlauf der zweiten Staffel durfte dann jeder an einer der einzigartigsten und nervenaufreibendsten Fragen in den letzten Jahren Fernsehgeschichte knabbern: Soll man die Taste drücken oder nicht? Der Countdown schwirrte in jeder dritten Szene bedrohlich am oberen Bildschirmrand und ließ spüren, dass er irgendwann noch Unheil verbreiten würde. Er war auch der Dreh- und Angelpunkt zur essentiellen Entscheidung, die Lost noch immer prägt: Ist man ein Mann des Glaubens, oder ein Mann der Wissenschaft? Locke, Jack, Mr. Eko und schließlich auch Ben holten das Maximum an Drama und Nervenkitzel aus diesem Storyelement, das uns schließlich ein phänomenales Finale beschaffen sollte. Auch die Episode „Lockdown“ war an Spannung kaum zu überbieten: Da lag er, unser Locke, wieder vom Schicksal geschlagen und nicht in der Lage, seine Beine zu benutzen, und konnte nur einem unheimlichen Fremden Vertrauen, der sich erst viel später als tödlicher Mastermind zu erkennen geben sollte. Im Nachhinein betrachtet lag es natürlich in „Henry“-Bens Interesse, die Zerstörung des Hatches und die Aktivierung des Failsafes zu verhindern, denn diese gab die Insel für die Außenwelt preis.

Die letzten Episoden - „Live Together, Die Alone“ - wussten schließlich in allerlei Hinsicht zu überzeugen: Sayid sieht auf seinem Trip um die Insel den Rest einer Statue mit vier Zehen, die wir für sehr lange Zeit nicht wieder sehen sollten, bevor er erkennen muss, dass die Anderen ihn und seine Freunde mit einem trügerischen Strohhütten-Dorf hinters Licht geführt haben. Jack, Kate, Sawyer und Hurley werden zugleich Opfer dieses Plans, denn sie werden von den Anderen mit Elektroschockern überfallen, damit der blutrünstige Killer-Michael ihnen dann am Steg winken kann (leider war sein linker Arm verletzt und den rechten benötigte er zum Lenken). Charlie und Mr. Eko wollen gemeinsam Lockes Wahnsinn stoppen und besorgen sich Sprengstoff, und neben all dem kommen wir auch noch in den Genuss von Desmond-Flashbacks, die sogar den Absturz des Flugzeuges erklären.

Und schließlich kam es wie es kommen musste: Desmond drehte im Gedanken bei seiner lieben Penny den Schlüssel und veränderte damit die Lost-Welt. Und wenn ein Set, an das man sich 23 Folgen lang gewöhnt hat und das die Charaktere trotz allen Unbehagens das es verbreitet schon ihr „Zuhause“ nennen, plötzlich quer über den Bildschirm wirbelt, teilweise explodiert und am Ende in einem weißen Blitzlicht verschwindet (während an der Oberfläche zudem gerade alle taub werden), dann hat man als Zuschauer seinen ersten „Brainfreeze“-Moment erlebt. Dann noch schnell unbekannte Portugiesen am Südpol ins Spiel bringen und der nächste Sommer ist „gerettet“. Eben 100 Prozent Lost.



Harald Kerschhofer für LOST-fans.de