Vor gut drei Jahren eröffnete ein spektakulärer Opener die erste und einzige Mini-Season von LOST, nach der die Fans erneut Monate im Unklaren gelassen wurden, bevor sich die "Haupt-Season" anschloss. In beiden Teilen der dritten Staffel ist allerhand passiert, darunter Wegweisendes für die Zukunft der Serie.

JohnnySinclair blickt noch einmal auf diese aufregende Zeit zurück.


Ein nostalgischer Blick zurück

Die dritte Staffel LOST: Insel-Abenteuer mit starken Charakter-Momenten


Und weg war er, der Hatch. Der Ort, an dem regelrechte Glaubenskriege ausgefochten wurden. Der Ort, der die zweite Staffel so viel anders machte als die erste. Mehr Mythologie, weniger Abenteuer. Mit dem Verschwinden des Hatch stand in Staffel 3 nun das Erkunden der Insel wieder im Vordergrund, die abenteuerlichen Trips durch den Zauberwald: Jack, Kate und Sawyer unternehmen einen Mini-Season-Abstecher auf die Hydra-Insel, Locke ruft am Ende von „Further Instructions“ zur groß angelegten Suche auf und ein paar Tage später marschiert tatsächlich ein kleiner Trupp durch den Dschungel und macht einige interessante Entdeckungen. Kate, Sayid, die nun in den Maincast drängende Rousseau und eben Locke finden die Station „The Flame“, erfahren dort mehr über den großen Krieg zwischen Dharma und den Others und gelangen am Ende ihres Trips schließlich zur Wohnstätte der Others, die zum Staffelauftakt in einem abermals grandiosen Opener bereits präsentiert wurde. Das alles nimmt Platz in der ersten Hälfte der dritten Staffel, welche mit „The Man From Tallahassee“ ihren genialen Höhepunkt erreicht.

Während die zweite Staffel sehr auf einige wenige Mysterien fokussiert schien (Dharma, Hatch) und mitunter trotzdem etwas ziellos wirkte, gehen die „Lost“-Autoren in der dritten Staffel einen anderen Weg. Ob Eisbär, ein erschreckend brutaler Smokey, Flashes Before Desmonds Eyes, neue Dharma-Hütten, Rousseau – es wurden allerhand alte und vor allem auch neue Themen angepackt.
Zwei besonders im Mittelpunkt stehende kristallisierten sich allerdings auch in dieser Staffel heraus:
Das sind zum einen die Others. Nach eineinhalb Staffeln erhalten sie in Form von vor allem Ben und Juliet so etwas wie ein Gesicht. Man lernt, wie sie leben, wie sie denken; man erfährt Stück für Stück, was zur Hölle sie eigentlich auf dieser Insel treiben. Vor kurzer Zeit noch undenkbar: Sie erhalten sogar On- und Off-Island-Flashback-Episoden! Meilensteine, die die unglaubliche Entwicklung der Serie belegen.
Das andere zunächst nicht unbedingt dominierende, aber dafür umso bedeutungsvollere Thema ist „die Welt da draußen“. Es gibt sie noch. Bis zu den atemberaubenden letzten Sekunden der zweiten Staffel bestanden Zweifel daran, Staffel 3 beseitigt diese endgültig. So hat es der grandiose Cliffhanger von „The Glass Ballerina“ richtig in sich: Ben spielt Jack ein Video vor, auf dem zu sehen ist, wie die Boston Red Sox endlich die Series gewinnen. Dazu ein paar Sätze, die man sich eigentlich an die Wand kleben kann, so gut und wirkungsvoll sind sie:

„That's home, Jack. Right there, on the other side of that glass. And if you listen to me -- if you trust me -- if you do what I tell you when the time comes -- I'll take you there. I will take you home.“

Ein anderer Cliffhanger, sicher einer der besten der gesamten Serie, verbindet die beiden großen Themen: Mit dem letzten Atemzug von „The Man From Tallahassee“ präsentiert Ben, der Anführer der Others, Anthony Cooper und untermauert damit die Macht der Others, die unter anderem eben in dem vorhandenen Kontakt mit der Außenwelt begründet liegt. Während Locke nun die Seiten wechselt und uns in einem späteren Flashback weiteren Einblick in die Befindlichkeiten der Insel-Ureinwohner gewährt, schwingt sich das Thema Außenwelt mit der Ankunft von Naomi endgültig zum dominierenden Aspekt der restlichen Staffel auf.
Noch nie war die Rettung so nah. Das Finale der dritten Staffel markiert eine Zäsur, wie es sie zuvor oder danach bislang kein zweites Mal gegeben hat. Die Others, die große Konstante der ersten drei Staffeln, werden nahezu ausgelöscht. Mit Charlie muss der erste wirkliche Main-Charakter sterben. Boone, Shannon, Ana-Lucia, Libby und Eko mögen allesamt zum Main-Cast gehört haben, doch keiner von ihnen war auch nur halb so lang dabei wie Charlie, eine von nur drei Personen, die schon im Pilotfilm Mini-Flashbacks erhalten hat. Und dann schließlich das große Finale im „Glaubenskrieg“: Ben, Locke und Jack treffen zum ultimativen Duell aufeinander: Der eine möchte die Kontaktaufnahme mit den Frachter-Leuten aus egoistischen Motiven verhindern und ist dabei einmal mehr bereit, über Leichen zu gehen (Ben), der andere hat das Wohl der Insel und seiner Bewohner im Sinne, nimmt zunächst ebenfalls keine Rücksicht auf Verluste (Locke), bringt es aber nicht fertig, den Dritten im Bunde zu erschießen. Jack setzt sich durch, leitet die vermeintliche Rettung ein, atmet erleichtert auf.

Nur um kurz darauf, in der letzten Szene der Staffel, vom wohl Genialsten, Dreistesten und Spektakulärsten eingeholt zu werden, was sich die Autoren in der bisherigen Serien-Geschichte ausgedacht haben. Nicht „nur“, dass sie das bisherige Prinzip der Flashbacks über den Haufen werfen und einen Blick in die Zukunft wagen, nicht „nur“, dass sie Jack als gescheiterten, suizidgefährdeten Mann des Glaubens zeigen, der von Bestimmung und Fehlern redet, nein, nach gut der Hälfte der Serie nehmen sie einfach mal das vorweg, was wohl ein jeder für die allerletzte Folge erwartet hat: Sie zeigen Losties, die die Insel lebend verlassen haben. Egal, was seitdem vielleicht alles falsch gelaufen ist in der Serie; allein dafür hat sich „Lost“ einen Eintrag in den TV-Geschichtsbüchern verdient. Und zwar an vorderster Stelle.

Bei aller Freude über Mythologie und Zukunfts-Weichenstellung sollte aber auch ein anderer Faktor nicht unerwähnt bleiben: Staffel 3 war die letzte richtig überzeugende Charakter-Staffel. Mit Ausnahme von vielleicht Daniel ist es seitdem nicht mehr gelungen, Charaktere zu erschaffen, beziehungsweise in den Vordergrund zu schieben, die wirklich überzeugen konnten. Eine ambivalente, jederzeit glaubwürdig handelnde Figur wie Juliet beispielsweise. Oder ein Benjamin Linus, für den Michael Emerson just seinen längst überfälligen Emmy bekam, der allen anderen – sind wir mal ehrlich – schlicht die Schau gestohlen hat. Jede Szene mit Bens Beteiligung kam einem Erlebnis gleich. War dann auch noch Locke mit von der Partie, konnte man in Anbetracht der genialen Wort-Gefechte vor Glück eigentlich nur noch heulen. Auch Desmond vermochten die Autoren mit einem kleinen, aber effektiven Kniff – ihn in die Zukunft sehen zu lassen – zum unverzichtbaren Bestandteil der Serie zu machen. Und selbst ein Charlie wurde im Angesicht des Todes plötzlich wieder interessant. Verschweigen sollte man allerdings auch nicht die beiden Rohrkrepierer Nico und Paula – so genau weiß wohl keiner mehr, wie sie eigentlich hießen – die zum Glück rasch (auf ziemlich elegante und ungemein fiese, schwarzhumorige Art und Weise) „entsorgt“ wurden.

Hätten die Highlight-Folgen dieser Staffel so ausgezeichnet funktioniert, wenn nicht auch die Charaktere, ihre weitere Entwicklung und ihre Beziehungen zueinander im Mittelpunkt gestanden hätten? Was wäre „Flashes Before Your Eyes“ ohne die Tragik in der Geschichte von Desmond? Wie hätte „The Brig“ ausgesehen, ohne die schwärzesten Kapitel im Leben von Locke und Sawyer, unter die nun ein gewalttätiger Schlussstrich gezogen wurde? Hätte „The Man Behind the Curtain“ auch nur ansatzweise so gut funktioniert, wenn man sich für Ben zuvor nicht so viel Zeit genommen und genau erklärt hätte, warum er so tickt, wie er nunmal tickt? Und wie wertvoll bitte ist eine komplett „ereignislose“ Folge wie „Tricia Tanaka Is Dead“, ohne deren Männer-Ausflug im Dharma-Bus wir um einige Lacher und Schmunzler ärmer wären?

Es lässt sich wohl endlos darüber diskutieren, ob in einer Mythologie-geprägten Zeit wie jener, die mittlerweile in „Lost“ herrscht, einfach kein Raum mehr bleibt, um die Charaktere gleichwertig im Fokus zu behalten, sie weiterzuentwickeln, sich WIRKLICH Zeit für sie zu nehmen. Ob es sinnvoll, wenn nicht gar notwendig ist, die Schwerpunkte zu verlagern. Für mich persönlich waren die jederzeit nachvollziehbar und glaubwürdig handelnden Charaktere der ersten drei Staffeln das Herzstück dieser Serie. Die großen genialen WtF-Momente funktionierten nur, weil sie immer so eng mit dem Befinden der Menschen auf dieser Insel verknüpft waren. Weil sie nie selbstzweckhaft daher kamen, sondern immer irgendetwas symbolisierten, was sich mit den Charakteren in Zusammenhang bringen ließ. Die Fähigkeit, die Geschichten auf diese Art und Weise zu erzählen, ist den Autoren meiner Meinung nach leider etwas abhanden gekommen. Und so steht Staffel 3 in meinen Augen nicht nur für viele neue interessante Mysterien, nicht nur für geniale Twists und wegweisende Veränderungen in Struktur und Handlung, sondern vor allem letztmals für die hohe Kunst, all dies in Einklang mit einer gesunden Weiterentwicklung der Figuren zu bringen. Staffel 3 war die fast optimale Symbiose aus Mythologie, Abenteuer und Charakter-Drama. „Lost“ in seiner ursprünglichsten Form.


René Loch für LOST-fans.de