Nach kleinen redaktionellen Schwierigkeiten könnt ihr nun den fünften Teil unserer Geburtstagsreihe, verfasst von mercy, lesen. Er enthält natürlich Spoiler, da er sich um die neueste, nicht auf P7/K1 gezeigte, Staffel 5 dreht. In den nächsten Tagen folgt dann ein Vorausblick zur letzten Staffel.


Eine neue Dimension

Nachdem die schwächelnde vierte Staffel zuende ging und die Oceanic 6 gerettet worden und die restlichen Überlebenden auf der Insel zurückgeblieben sind, blieb für den Zuschauer mehr denn je die Frage im Raum stehen, wie es in der neuen Staffel nun weitergehen würde. Ende Januar 2009 wurde es uns dann gleich in der ersten Szene vor Augen geführt, was uns im neuen Jahr erwarten würde. Ein gleichaussehender Daniel, der zur aktiven Dharma-Zeit auf der Insel zugegen ist. Damit wurde klar, dass ein einst fälschlicherweise als Tabu angesehenes Thema die Hauptrolle spielen würde: Zeitreisen.

Durch die in der vierten Staffel entworfenen Ausgangskonstellation war die Handlung dafür prädestiniert in zwei Hauptsträngen abzulaufen. Die Oceanic 6, die auf dem Serien-untypischen Festland dazu gebracht wurden, wieder auf die Insel zurückzukommen und die sogenannten „Lefties“, also jene, die auf der Insel blieben und seit Bens Dreh am „Frozen Donkey Wheel“ unberechenbar durch die Zeit springen, vor und zurück, und auf Geschehnisse trafen, die vielleicht etwas zu sehr als Mittel zum Zweck dienten, aber dennoch einen durchaus interessanten Aspekt in die Serie bringen. Und zwar dass nun spürbar versucht wurde, viele ungelöste Elemente in der Handlung zu erklären und manche Mysterien quasi „live“ zu zeigen, so wie es passiert war. Ein Schachzug der Autoren, der die meisten Fans, trotz des intensiven Erzähltempos, dankbar annahmen. Somit wiesen die ersten Folgen eine hohe Konstanz an Qualität auf, in der zu keinem Zeitpunkt wirklich ein Gefühl der Langeweile, Enttäuschung oder Verwirrung aufkam. Die Autoren verstanden es, die Spannung mit dem Witz, den Mysterien und den Emotionen in einer guten Balance zu wahren. Was aber besonders ins Auge stach und wohlwollend wahrgenommen wurde, war der rote Faden, der in dieser Staffel allmählich sichtbarer wurde. Dass es eine Art Plan und Grundgerüst gibt und Fragen gelöst werden, wurde Folge für Folge immer deutlicher.

Schneller als gedacht kamen dann auch die Oceanic 6 in der sechsten Folge unter damals noch mysteriösen Umständen wieder zurück auf die Insel, welche in der eindrucksvollen Charakterfolge von Jack „316“ gezeigt wurde, die vor allem durch seinen vielen kleinen Nuancen und Rückdeutungen zu Staffel 1 herausstach. War bis dahin jede Folge eine völlig neue Erfahrung, da sie ohne Flashbacks oder –forwards auskam, entstand durch die Rückkehr zur Insel zwar eine Vereinigung mit 4 der 6 Leuten, wurden jedoch die zwei Handlungsstränge beibehalten und nur durch die Zeit voneinander getrennt: die 70er Jahre in der Dharma-Zeit und die „Gegenwart“ 2007.

Gab es mit der Rückführung der Folgen zu den altbewährten Flashbacks wieder eine gewohnte Struktur, enttäuschten die Folgen in der Dharma Initiative, in der sich unsere Losties eingelebt hatten, doch ein wenig, die zwar mit den letzten Folgen wieder Tempo und Aufdeckung von Rätseln und Vermutungen lieferten, aber gerade zu Beginn etwas zäh vermittelt wurden. Es spielten zu sehr die sozialen Konstruktionen eine viel zu große Rolle. Viel lieber wären die Sichtweisen und Organisation bezüglich der Insel gesehen gewesen. Zwar wurde das mit dem Bau des Schwans und der Orchidee angedeutet, aber vieles blieb dabei nur oberflächlich. Dem gegenüber war die „Gegenwarts“-Handlung rund um den wieder von den toten auferstandenen Locke durchweg eine spannende Inszenierung, die mit der neu-eingeführten „Shadow“-Gruppe einen neuen mysteriösen Aspekt lieferte. Folgen wie „Dead is dead“ und „Follow the Leader“ zeigten auf, wie sich eine Serie erklärt, aber dennoch genügend Stoff für Spannung und Rätsel lieferte. Man hatte das Gefühl, dass die Staffel nach dem eher geschmeidigen Mittelteil wieder kräftig an Fahrt aufnahm.

Die zentrale Frage der Staffel war hingegen die Aussage von Daniel Faraday: Whatever happened, happened. Kann man die Gegenwart verändern, indem man in der Vergangenheit Dinge in eine andere Richtung laufen lässt? Kann man seinem Schicksal entfliehen, indem man aktiv in die Vergangenheit eingreift? Bis zur 13. Folge schien diese Feststellung ein Naturgesetz zu sein, dass man nicht ändern konnte, so wie man es mit dem Mordversuch am jungen Ben durch Sayid deutlich bestätigt sah, aber dann urplötzlich in der durchschnittlichen Jubiläumsfolge „The Variable“ durch eine 3-jährige Forschung Daniels in Ann Arbor wieder negiert wurde und somit im Staffelfinale „The Incident“ mit der Zündung der Wasserstoffbombe unter Beweis gestellt werden sollte.

Wurde dem Zuschauer zu Beginn der Staffel alte Charaktere mit neuen Wesenszügen aus vergangenen Zeiten gezeigt und somit mehr über deren Vergangenheit offenbart, gab es auch Einführungen und Etablierung neuerer Charaktere, die uns einen größeren Überblick über das komplexe Verhältnis in der Serie aufzeigte. So war es neben der mysteriösen Eloise Hawking, die die Oceanic 6 erst wieder den Weg zurück zur Insel gezeigt hatte, vor allem Jacob, der endlich im Staffelfinale präsentiert wurde, jene Person, die uns erkennen lässt, auf welcher neuen Ebene wir denken müssen. Dachten wir einst, dass es letztendlich darum ging, ob Ben oder Widmore den Kampf um die Insel gewinnt, wissen wir nun, dass höhere Mächte in Form eines Jesus-ähnlichen Jacob und seinem Widersacher am Werk sind, die allgegenwärtig und allmächtig zu sein scheinen. Waren es zunächst die Science-Fiction-Elemente, die sich mit der Mystery verbanden, ist es nun ein kleiner Fantasy-Touch, der sich schon mit dem Frozen Donkey Wheel am Ende der vierten Staffel andeutete.

Am Ende der letzten Folge bleibt jedoch mit einem Cliffhanger unbefriedigend die Frage offen, was nun wirklich passiert ist. Ist die Bombe explodiert? Wurde die Zeitlinie verändert? Wird Flug 815 ohne Probleme in LA landen? Fragen, die neben den vielen unbeantworteten Mysterien auf der Insel, in den letzten 18 Folgen in der sechsten Staffel gelöst werden müssen. Und es ist wohl ein schmaler Grat für die Autoren, jeden Zuschauer am Ende zufrieden zu stellen, da sich LOST nun wirklich von den ersten Staffeln abgesetzt hat und mit diesen neuen Elementen wohl nicht jeden Nerv getroffen hat. Was jedoch feststeht, ist, dass die Serie an Qualität nicht verloren hat und man – mit oder ohne Zeitreisen – durchweg auf ein gutes letztes Jahr hoffen darf.


Martin Kühnel für LOST-fans.de