David wagt es auch diese Woche wieder, dem Mainstream ein wenig entgegen zu wirken, und für uns die Episode 6.03 aus seiner Perspektive zu beleuchten. Seine Review beschäftigt sich vor allem mit den Entwicklungen in einer Folge, in der "nichts passiert".


Und Sawyer weint
Gegen die Fans: „What Kate Does“ von Paul Edwards


Man kann wirklich nicht behaupten, das Ende der von Adam Horrowitz und Edward Kitsis geschriebenen Folge, die sich nach ganz altem Rezept um die fliehende Kate und die schwangere Claire dreht, sei überraschend. Dass die australische Sympathieträgerin am Ende des Geschehens effektheischend aus dem Dschungel auftaucht und – wie sollte es auch anders sein – eine Waffe auf jemanden richtet, ist spätestens klar, nachdem der neu eingeführte Tempelritter (mysteriös verkörpert von Hiroyuki Sanada) Jack eröffnet, dass mit dessen Halbschwester etwas nicht stimmt.

Doch das ist von Fans nicht mal der Hauptkritikpunkt. Kurz nach Ausstrahlung war mehr als einmal das Wort „Füllerfolge“ zu lesen. Keine sehr wasserdichte Behauptung für die dritte von 18 Folgen einer Staffel, die sich definitiv noch in der Findungsphase befindet. Kurz nach Anfang kann es von der Spannung her nicht schon wieder auf ein Finale zu gehen. Selbst wenn es die wortgleiche Staffel ist. Damon Lindelof hat die Aussage in seinem Twitter-Account herrlich zynisch kommentiert. Man solle doch beim Gefühl, eine Füllerfolge gesehen zu haben, auf Navi CIS umschalten, wo jede Folge mit einem Knall und einer Verhaftung endet. Er würde sich auch garantiert nicht auf den Schlips getreten fühlen.

Das Statement ist nicht ganz unwahr. Vielleicht mag man Verständnis aufbringen für Menschen, die nach über 100 Folgen nicht mehr sehen wollen, wie sich Charaktere entwickeln. Aber der faszinierende Fakt ist doch, dass sie es können. Lindelof und Cuse haben sich auf eine sehr gefährliche Reise begeben. Das schon erlebte mit neuer Rezeptur aufzubereiten birgt eine Menge Abnutzungsgefahren. Und doch ist es in dieser Folge interessant und rätselhaft. Ob Kate sich damals bei sicherer Landung und Flucht auch dafür entschieden hätte, zu Claire zurückzukehren? Sind die Figuren die gleichen? Bleiben die Schachzüge identisch? Auch wenn die Emotionen bei dieser nostalgischen Novität oft auf der Strecke bleiben, eine gewisse Spannung, wie man die bis jetzt scheinbar belanglose neue Zeitlinie auflöst, ist durchaus vorhanden. Die lässt Regisseur Paul Edwards in dieser Folge wie kleine Stichflammen in wenigen aber bewusst gewählten Momenten immer mal wieder aufleben. Ein zu langer Blick hi und da oder ein familiärer Gesichtsausdruck.

Auf der Insel gelingt ihm der von Fans kritisierte und von mir oben schon angesprochene Punkt, der Charakterentwicklung und zwar bei Josh Holloways Figur. Fünf Jahre lang ist er Teil der Hauptbesetzung und viel haben die Macher schon von ihm Preis gegeben, doch eine der wichtigsten menschlichen Facetten haben sie sich einbehalten. Und dabei handelt es sich nicht um große Worte, eine Heldentat oder ein Opfer. Sawyer weint einfach nur. Er weint um seine verlorene Liebe. Der als ewiger Bad Boy eingeführte Rüpel hat sein Bild endgültig umgeworfen. Der verfluchte Ort hat jeden auf seine ganz individuelle Weise gebrochen. Bei Sawyer hat die Insel lange gebraucht und es schlussendlich doch geschafft. Schön von Edwards ist, dass er der Figur trotzdem sein Gesicht lässt. Sawyer bricht nicht etwa in hemmungsloses Schluchzen aus oder sackt in sich zusammen. Jede Träne muss sich ihren Weg hart erkämpfen und wird von Holloway in unnachahmlicher Art zähneknirschend kommentiert. Kate als Zuschauer steht nur machtlos daneben. Es ist schwer zu ertragen wenn ein ewiges Stehaufmännchen nicht mehr weiter weiß.


So mag man am Ende der Episode nicht unbedingt weiter sein als am Anfang. Aber man hat neue Seite kennergelernt, was erfrischend ist. Und für diejenigen, die mehr Navi CIS fordern, taucht ja immerhin am Ende Claire bedrohlich im Dschungel auf – wenn auch nicht ganz unerwartet.

David Segler für LOST-fans.de