Davids Einblick in die Folge 6.04 konzentriert sich einmal mehr auf die Intentionen des Regisseurs und der beiden Autoren. Was ist ihnen diesmal geglückt, und was hätten sie uns lieber ersparen sollen?


Gespiegelte Weisheiten

Eine Komödie: Tucker Gates' „The Substitute“


Schon in der ersten Szene dieser Folge wird die Richtung klar. Als John Locke aus dem Auto heraus möchte, die Tragerampe für den Rollstuhl herunterfährt, klemmt sie. Wie in der ersten Staffel setzt Terry O’Quinn einen „Ich wusste, dass mir das passiert“-Gesichtsausdruck auf. Als er dann von der Rampe fällt und auf dem Rasen seines Hauses liegt, ist die Hommage an früherer Rückblenden vollkommen. Doch die Neuerung ist, dass die Misere sich zur tragischen Komik wandelt. Die Rasensprinkler gehen an und zeigen eindeutig, was Regisseur Tucker Gates die nächsten Minuten inszenieren wird. Eine Komödie. Die Trennlinie zwischen bewusster und unbewusster Komödie ist hierbei oft nicht eindeutig auszumachen. Das ist gleichzeitig Stärke und Schwäche des Geschehens.

Dass man an alte Zeiten erinnern möchte wird diesmal deutlicher denn je. Locke ist in der separaten Zeitlinie verzweifelter als je zuvor, verliert seinen Job und auch seinen Glauben. Zunächst ist das von Elizabeth Sarnoff und Melidna Hsu Taylor einfühlsam und klug in Worte gefasst. Als Helen, Lockes zukünftige Frau, ihm sagt, vielleicht sei das Treffen mit dem Chirurgen Jack sein Schicksal. Entgegen aller Vorhersehbarkeiten stimmt Locke zu. „Vielleicht ist es das“. Schade ist, dass sich die beiden Drehbuchautorinnen doch der Erwartungshaltung und damit des denkbar einfachsten dramaturgischen Mittels bedienen. Sie spiegeln die Weisheiten der neuen Realität. Natürlich wird Helen das Thema Wunder ansprechen und hier wäre Konsequenz der Autoren überraschender als Lockes verbitterte Antwort „Es gibt keine Wunder“. Wer hätte wohl nicht mit einer solchen Antwort gerechnet?

Beim Geschehen auf der Insel ist der komödiantische Anteil der höhere. Als O’Quinns neue Figur losgeht um sich Rekruten für die endgültige Flucht von der Insel zu suchen, versucht er es mit einer alten Masche. Er bietet dem verbitterten Sawyer Antworten. „Was wäre, wenn ich dir erklären könnte, warum du hier bist?“. Es ist beruhigend, dass die Autoren selbst wissen, wie ironisch solche Aussagen inzwischen nur noch aufgenommen werden können. Und Sawyer reagiert wie der Zuschauer. Er lacht. Trotzdem oder gerade wegen dieser Absurdität, lässt er sich überreden, mitzukommen und sich endlich „alle Geheimnisse“ (auch Teil der Komödie) erzählen zu lassen.

Der Geist in Lockes Körper selbst, bisher nur als kompromissloser Rambo gezeigt, ist zu Scherzen aufgelegt. Er wirft einen weißen Stein ins Wasser und murmelt dann etwas von einem Insider-Witz. Dass Sawyer am Ende kaum etwas erfahren wird, ist obligatorisch, aber auch nicht tragisch. Viel mehr muss man den Hut vor den Machern ziehen, dass sie damit wieder einmal überraschende Fakten preisgeben mit denen man als eingefleischter Fan frühestens kurz vor Ende dieser Staffel gerechnet hätte. Damit sind die Karten, worum es im Verlauf gehen könne, neu gemischt. Dieses Handwerk beherrscht Lost wie kaum eine andere Fernsehproduktion. Wie man den Fakt aufnehmen soll, dass die auf der Insel gestrandeten die Kandidaten für die Nachfolge des Beschützers der Insel sind, ist unklar. Sicherlich kann man hier das Wort „konstruiert“ benutzen, aber es bleibt das Gefühl, dass man zum Urteil noch nicht genug weiß.

Beim Ende der Folge vergreifen sich leider sowohl Autoren und Regie im Einklang. Dass Locke als Austauschlehrer in der Schule auf einen Ben im Streber-Lehrer-Look trifft, der sich lauthals über nicht eingehaltene Kaffeeregeln beschwert, ist lächerlich. Allein weil man die Konstruktion hinter dem gezwungen „Alle Figuren treffen aufeinander“-System bemerkt. Bei Rose war dies noch mit einem komödiantischen Lächeln zu übersehen, aber bei Ben ist es weit über die Grenze hinaus.

Genau wie die Frage von „Cerberus“ an Sawyer, ob er denn nun bereit sei, von der Insel zu gehen. Welche Antwort wird Sawyer wohl geben? Ein „Ja“ natürlich. Hätte er zum Beispiel verneint und „Cerberus“ allein in der Höhle zurückgelassen, wäre vielleicht die Handlung nicht nachvollziehbar gewesen. Aber zumindest ein gutes Ende einer Komödie wäre sicher gewesen.


David Segler für LOST-fans.de