David analysiert in seiner Kritik zu 6x05 welche Rolle das Verhältnis von Vater und Sohn in Lost spielt und möglicherweise noch spielen wird
Die Tragik des Leuchtturmwärters

Wie der Vater, so der Sohn: Matthew Fox und Dylan Minette in „Lighthouse“

Es ist eine der schönsten Szenen dieser Folge, als Jack einen Raum betritt und feststellt, dass sein in der alternativen Zeitlinie offensichtlich existenter Sohn mitten in einer Klavieraufführung steckt. Kurz steht die Welt still und der junge David ist ein Spiegelbild seines Vaters. Sah man ihn doch schon mehrmals am Klavier sitzen. Meistens, wenn er nachdachte. Schade, dass Giacchinos ohne Frage großartiger Soundtrack schon so früh die Erinnerungssequenz unterbricht.

Es geht nach langer Zeit mal wieder um Jack und seiner Existenz in der neuen Welt. Er hat einen Sohn, aber immer noch keinen Vater. Und er scheint sein Problem auf die jüngere Generation übertragen zu haben: Das Streben nach Anerkennung.
Hat der junge Arzt damals immer damit zu kämpfen gehabt, Respekt in seinem Beruf - und das besonders bei seinem Vater - zu erlangen, kämpft er nun selbst als Vater um die Annerkennung im Privaten – bei seinem Sohn David, offenbar ein Scheidungskind.

Die Ausgangssituation, welche die Autoren Damon Lindelof und Carlton Cuse wählen, ist die denkbar einfachste. Sie machen David zum 13-jährigen Teenager Rebell, der nichts von Regeln und vor allem nichts von väterlicher Zuneigung wissen will. Jeglicher Versuch der Annäherung scheitert. Was der klischeehaften Ausgangsituation trotzdem etwas besonderes verleiht, ist zum einen Jack Benders einfühlsame Regie, aber vor allem das Spiel zwischen Matthew Fox (immer noch einer der besten Schauspieler der Serie) und dem kongenialen Dylan Minnette, der seiner jungen Figur eine Verbittertheit verleiht, wie sie sonst nur der erfahrene Fox bei Jack hervorbringen kann.
Man glaubt ihm sowohl, dass er Jacks Sohn ist, so wie seine Ablehnung gegenüber diesem. Und das mit nur wenigen Worten. Selten wurde ein kaputtes Vater-Sohn-Verhältnis so treffend interpretiert.

Welche Paradoxie, dass Jack es eigentlich genau so als richtig empfinden müsste. Denn wie seine Ex-Frau in der realen Vergangenheit schon gesagt hat, brauch der Doktor ständig „something to fix“; immer etwas, was er wieder hinbekommen kann. Und die Rede ist gewiss nicht von Gegenständen. Die Frage drängt sich auch am Ende dieser Folge auf, wie lange Jack eine funktionierende Beziehung halten kann, egal zu welchem Menschen, ob Sohn, Vater oder Ehefrau.

Auf dem Insel wird diese Frage mit zusätzlicher Tragik unterstrichen und man merkt, dass die Figuren mit dieser Serie gemeinsam auf ein Ende zugehen.
Jack wird zu einem Leuchtturm geschickt. Was er dort soll ist nebensächlich. Man käme zu schnell wieder auf die Marionettenfrage. Viel interessanter hingegen ist das gewählte Motiv. Ein Leuchtturm. Die Metaphorik ist vieldeutig. Aber es liegt nahe, dass Jack der Inhaber dieses Ortes ist. Der Leuchtturmwärter dieser Geschichte.

So gescheitert er in der realen Existenz sein mag, er war derjenige der wenige Minuten nach Absturz das Ruder in die Hand nahm. Erst unfreiwillig, dann mit wachsendem Elan. Und immer mit klarem Ziel vor Augen, etwas wieder hinzubekommen.
Seien es nur kleine Verletzungen, entführte Leute oder das große Motiv dieser Serie – die Insel zu verlassen.

Und hier ist nun die Tragik. Kann Jack sein Glück finden? Offensichtlich erfüllt es ihn, an der Erfüllung zu arbeiten. Ist die Arbeit eines Leuchtturmwärters jemals getan? Nur dann, wenn es keine Schiffe mehr gibt, oder der Leuchtturm kaputt ist. Jack zerstört diesen am Ende der Folge.

Man kann das auf viele Arten deuten. Eine zum Beispiel, dass er sein Glück und seine Erfüllung nur durch Selbstzerstörung findet. In der alternativen Zeit wäre er damit nicht besser als sein Vater. Aber die Figur wäre komplettiert. Denn es wäre davon auszugehen, dass auch Jacks Vater in den Tod ging, weil er nicht mit sich selbst klar kam. Wie der Vater, so der Sohn.

David Segler für LOST-fans.de