Dass es bei LOST nicht immer friedlich zugeht wissen wir seit Staffel 1. David analysiert Folge 6.06 unter dem Aspekt der andauernden Bedrohungen, denen sich die Losties oftmals - vielleicht auch zu oft - gegenüber finden.


Bedrohlich
...und auch noch tödlich: „Sundown“ von Bobby Roth

So bedrohlich war das Geschehen schon lange nicht mehr.
Die  Folge von Bobby Roth, der zuletzt „Whatever happend, happend“ inszenierte, vor allem aber mit „The Man behind the Curtain“ vor gut drei Jahren auf sich aufmerksam machte, birgt am Anfang vor allem für Sayid Gefahren. Dauernd trachtet dem - selbst einst sehr bedrohlichen - Iraker jemand nach dem Leben. Sei es der Tempelritter Dogen oder Jacobs Gegenspieler in Form von John Locke.

Dass es hier tatsächlich um's nackte Überleben geht, machen die Autoren (Paul Zbyszewski und Neuling Graham Roland) mehr als deutlich. Selten ist im Drehbuch so oft in kurzer Zeit das Wort „töten“ gefallen. Da fällt es fast ein wenig schwer, den Überblick zu behalten, wer jetzt eigentlich wen umbringen will. Das ist aber nicht weiter schlimm.
Viel schlimmer ist die mangelnde Glaubwürdigkeit. Genau wie keiner mehr erwartungsfroh ist, wenn es heißt, man würde gleich „alles gesagt“ bekommen, ist es nicht mehr wirklich schockierend, wenn Morddrohungen ausgesprochen werden. Die Übersättigung nimmt den Effekt.

So ist eben auch der Kampf (herrlich überzogen inszeniert) zwischen Sayid und Dogen am Anfang, zumindest was den Ausgang betrifft, weitgehend unspannend. Am Ende haben beide höchstens einen Kratzer.

Sayid ist in der Folge Spielball, zumindest bis zum letzten Teil des Geschehens. Woher seine Motivation kommt, sich von allen als Figur im Krieg benutzen zu lassen, bleibt im Dunkeln. Gerade Sayid wurde anfangs als kompromisslos und nachtragend eingeführt. Dass man seine zweite große Liebe Shannon ermordet hat, konnte er nie verzeihen. Neben seiner Verbitterung, die er aus dem Irak mitgebracht hat, war Sayid, dank Naveen Andrews Darstellung einer der wenigen Charaktere, die in jeden noch so banalen Satz eine Spur Bedrohlichkeit gelegt hat.
Man wusste im Grunde nie, woran man bei ihm war.

Nun aber sind seine Karten offen gelegt. Er fügt sich perfekt in die Marionettenreihe der anderen Figuren ein. Warum lässt er sich dann von einem Mann beauftragen, der ihm offensichtlich per Giftkapsel das Leben nehmen wollte?

Auch die alternative Realität, diesmal überraschend bedeutungslos, gibt darüber keinen Aufschluss. Nicht mal wird klar, ob es ihm dort besser geht als vorher. Er hat seine Nadja gefunden, doch es ist bloß nicht mehr seine. Sondern die Frau seines Bruders. Er ist nicht mehr geliebter Mann, sondern beliebter Onkel. Es ist nicht zu sagen, ob er sich wirklich damit abgefunden hat. Das kann man jedoch durchaus als Stärke sehen.
Wie schon gesagt, Durchschaubarkeit hat noch nie zu Sayid gepasst. Am Ende jedoch dreht sich das Geschehen in beiden Handlungssträngen.

Auf dem Festland muss Sayid seinem Bruder aus der Klemme helfen und trifft dabei am Ende auf Marton Keamy. Jede der wenigen Minuten mit Kevin Durand sind ein Vergnügen. Er hat am eindrucksvollsten sein Bild umgeworfen. Eingeführt mit Muskelshirt und Waffen ist er jetzt ein herrlich sarkastischer Bösewicht, dem es fast noch mehr Spaß macht zuzusehen als Michael Emmerson und seinem Benjamin Linus.
Keamy hat allerdings ebenfalls Parallelen zu Sayid. Er ist genau so fähig, ganz einfache Sätze in Bedrohlichkeit zu hüllen, ist dabei jedoch weitaus kompromiss- und skrupelloser. Eine Aussage wie von Sayid, dass er sich geschworen habe, nie wieder zu foltern, würde man von diesem Mann sicher nie zu hören bekommen. Er stirbt ein zweites Mal. Vielleicht ist das gut so, denn als Hauptfigur wäre es schwer, seine Handlungen nachvollziehbar zu machen. Als „Bosheits- Snack“ zwischendurch ist die Figur aber mehr als erfrischend.

Auch auf der Insel geschieht Erfrischendes. Man löst sich überraschend früh vom Tempel und von Dogen, was vielen Anhängern sicher missfallen wird, doch zumindest ich kann mich dem Eindruck nicht verwehren, dass es der Handlung gut tun wird. Die Gestrandeten waren doch immer am interessantesten, wenn sie auf sich selbst gestellt waren und nicht an Orten festsaßen.
So brauchte die dritte Staffel sieben Folgen, um sich wirklich zu entfalten. Bei den ersten sechs saßen drei Hauptfiguren in Käfigen fest. Hinzu kommt wieder einmal ein echter Überraschungsmoment. Wie eben erwähnt – so früh hätte wohl kaum einer mit Dogens Ableben gerechnet.

Dann hat Boby Roth noch eine tolle Idee. Als alles in Schutt und Asche zerfällt und der Tempel aufgelöst wird, lässt er Claires „Catch a falling Star“ als bedrohliche Version im Hintergrund laufen. Seit langer Zeit mal wieder echte Aufbruchsstimmung. Auch dadurch begünstig, dass man nun wirklich nicht weiß, wo es hingeht.
Und das ist ja immerhin eine der Prämissen von Lost.