Diese Woche konzentriert sich David bei seinen Einblicken in die siebte Folge der letzten Staffel ganz auf deren Hauptcharakter, wo wir doch gleich zweimal Zeuge dessen bisher größter Veränderung wurden.


Neue Streifen für den Tiger
In Mario Van Peebles „Dr.Linus“ stirbt die Hauptfigur nicht real – aber symbolisch.

Als der titelgebende Held „Dr. Linus“ am Anfang dieser Folge über Napoleon und die Insel Elba spricht, ist dies eine klug gewählte Selbstreflexion. Was nützt ein Benjamin, der seine Stärke verloren hat? „Er könnte ebenso gut tot sein.“ Sagt Ben seinen Schülern. Das Interessante an der Handlung in diesen 40 Minuten ist, dass er diesen Stärkeverlust zweimal erlebt. Auf verschiedene Arten.


Auf der Insel hat er gerade noch das letzte Lebenszeichen gegeben, in dem er versuchte, Sayid zum Mitkommen zu motivieren. Er ist daran gescheitert. Und dann passiert das Schlimmste. Sein Mord am Inselgott Jacob kommt ans Licht. Ilana, bei der man immer wieder an Michelle Rodriguez’ Ana-Lucia denken muss, kann diese Tat nicht verzeihen, Jacob sei für sie das gewesen, was einem Vater am nächsten kommt, sagt sie. In Folge dessen wird Ben gezwungen, am Strand sein eigenes Grab zu schaufeln, um später darin von ihr beerdigt zu werden. Dass es dazu nicht kommt, ist von Anfang an klar, jedoch geht es auch nicht wirklich darum.

Zum allerersten Mal gibt Ben ein komplett gebrochenes Bild ab. Hatte er am Ende der letzten Staffel immerhin noch Momente, in denen er bedeutungsvolle Blicke mit Richard austauschen konnte, so ist er jetzt mehr als je zu vor ein Kind, das etwas ausgefressen hat. Genau wie ein solches versucht er sich immer wieder aus seiner Schuld herauszuwinden. Erst mit Handel, später mit Flucht. Am Ende tut er doch nur das, was jeder von einem Kind fordert, das etwas ausgefressen hat. Er entschuldigt sich und darf folgerichtig wieder nach Hause – symbolisch gesehen. Es irritiert ohne Frage, dass dieser Prozess ausgerechnet mit Ben geschieht, dem einst intrigantesten Charakter der Lost Welt. Da der Handlungsstrang allerdings logisch und nachvollziehbar ist, bleibt die Sichtweise darauf vollkommen subjektiv. Man kann es als abgeschlossene und runde Charakterentwicklung einer der Hauptfiguren sehen. Man kann es jedoch ebenso als tragischen Abschied von einem der reizvollsten Figuren der Serie sehen. Ben hat seine Macht verloren, seinen Antrieb.

Ist es denn das, was man dem Charakter zum Ende der Serie hin wünscht? Sicher möchte niemand Stagnation und eine Figur, die über drei Jahre Seriengeschichte nie ihre Prämissen ändert, wirkt schnell oberflächlich. Aber Ben hat sich – bedingt durch Emersons großartige Darstellung – in seiner ganzen Egomanie immer so wunderbar selbstreflektiert, dass allein dadurch die Tiefe der Zugang zum Charakter geschaffen wurde. Das verstärkt den Verdacht, dass man ihm seine Macht nicht hätte nehmen müssen. Sicher ist er in der aktuellen Handlung machtlos, wenn es offenkundig um die Schlacht zweier halbgottähnlicher Figuren geht, aber eben das ist der springende Punkt. So absurd es klingen mag, man muss doch feststellen, dass es von den Machern möglicherweise zu viel gewollt war, eine noch höhere Instanz als Ben und seinen ewigen Widersacher Charles Widmore einzubauen. Denn schon das Spiel von Alan Dale und Emerson reichte für Gänsehaut. Kaum einer wird das aufregende Ende der neunten Folge von Staffel vier vergessen, ein mehr als absurdes, aber beängstigend gut gespieltes Nachttischgespräch zwischen den zwei Feinden. Am Ende hieß es „Die Jagd ist wohl für uns beide eröffnet“ und man gab sich der Vorstellung hin, dass es am Ende der Serie um den Sieg von einer der Figuren gehen müsse. Inzwischen scheint das zur Nebensache geworden zu sein, obschon besagter Widmore am Ende der Folge ins Geschehen zurückkehrt.


Auf dem Festland treffen die Autoren Adam Horowitz und Edward Kitsis gemeinsam mit Regisseur-Neuling Mario Van Peebles eine noch schwerwiegendere Entscheidung für Bens Figur. Sie nehmen ihm nicht nur seine Macht, sie lassen ihn das auch noch selbst entscheiden. In der zweiten Staffel sagte der Hitzkopf Sawyer einst zu seiner ewigen Affäre Kate „Tigers don‘t change... their stripes“. In der Synchronfassung wurde es mit „Ein Tiger wird keine Katze mehr“ verunglimpft. Aber die Aussage bleibt gleich. Sawyer betrügt, Kate läuft davon. Und Ben setzt mit allen Mitteln seine Interessen durch – eigentlich. Als er jedoch vor der Entscheidung steht, entweder seine Lieblingsschülerin zu schützen oder einen begehrten Posten als Schuldirektor zu bekommen, gibt er seiner Sympathie für die Schülerin nach.

Ist das nachvollziehbar? Sicherlich, denn das Muster der alternativen Realität wird immer klarer. Jeder handelt anders als noch in den Rückblenden. Aber warum auch Ben? Bei keinem ist die Veränderung so schwerwiegend wie bei diesem Charakter. Ohne Frage hat sich viel verändert, dadurch, dass er offensichtlich eine nur kurze Zeit auf der Insel war. Aber dann muss doch mehr Konsequenz geboten werden, denn die Ansätze seiner Figur sind ja deutlich zu erkennen. Er erpresst den Schuldirektor mit brisanten Emails und erst als es um die finale Konsequenz geht, steckt er zurück. Dass man für die Rolle der Schülerin auch noch seine Tochter Alex Rousseau gewählt hat, ist in meinen Augen zu viel des Guten, spielt aber keine besonders große Rolle.
Die Tragik bleibt.

So nachvollziehbar und logisch jede Entwicklung von Ben sein mag, so traurig ist auch der Fakt, dass die Figur, die man kennen und schätzen gelernt hat, nicht länger existiert. Zwar hat Ilana Ben nicht erschossen, aber er ist in dieser Folge trotzdem auf eine Art gestorben. Und man kann ihm zumindest für die Handlung auf der Insel nur wünschen, dass er vielleicht wie Napoleon nach seinem Aufenthalt in Elba noch einmal ein Stück seiner Macht zurückgewinnt. Auch wenn allen bewusst ist, dass es danach mit Napoleon ganz zu Ende ging.


David Segler für LOST-Fans.de