Laut den Trailern von ABC dauert es noch genau "acht Stunden" bis zum Finale. Natürlich stehen uns aber noch ein paar Wochen "Wartezeit" bevor (gefüllt mit den Episoden 6.09 bis 6.16), bevor schließlich am 23. Mai die allerletzte Doppelfolge ein TV-Phänomen beendet. Als Gegenpart zu Reviews wollen wir jetzt auch wöchtentlich unsere Erwartungen und Theorien festhalten und hoffen dabei natürlich auch auf rege Anteilnahme in den Kommentaren.


Das Bangen um ein “würdiges” Finale beginnt…

Damon Lindelof und Carlton Cuse haben klargestellt, dass die sechste Staffel den Charakteren gehöre. Und da haben sie natürlich Recht: Mysterien und Action gut und schön – was LOST unsterblich macht, sind die so dicht ineinander und mit der Story verknüpften Charaktere, die mit den Schicksalsschlägen wachsen und zerbrechen; die sich auf genau jener Achterbahnfahrt befinden, die uns vor die Bildschirme fesselt. Wir wollen uns kurz mit dem Thema „Flash Sideways“ beschäftigen und dann mutmaßen, wie und ob die Charaktere einen zufriedenstellenden Abschluss finden können.


Von den Seitensprüngen und Alter Egos

Anfang des Jahres haben die Produzenten Mut bewiesen und uns trotz aller Befürchtungen doch tatsächlich in eine alternative Realität entführt. Die uns bekannte blieb zwar bestehen, nichtsdestotrotz haben wir eine enorme Zeitspanne in einer Welt verbracht, die wir gar nicht kannten und die uns auch nicht weiter interessieren müsste. Die Frage, was mit unseren Charakteren ohne den Einfluss der Insel passiert wäre, erwies sich dennoch als reichhaltig genug und bot die Möglichkeit, in der allerletzten Staffel wieder das oft zitierte "Season 1-Feeling" aufkommen zu lassen. Wir haben quasi wieder bei Null begonnen und bekannte Charaktere neu kennengelernt; so widersprüchlich das auch klingen mag. Und noch haben wir die Wahl, ob wir das neue Stilmittel wirklich nur als solches betrachten sollen, oder ob diese neue Welt tatsächlich direkt in Verbindung mit der „altbekannten“ steht und alles auf den Kopf stellen wird.

In acht Wochen wissen wir nun also, welche Konsequenzen eine versunkene Insel, von der Familie Linus noch rechtzeitig fliegen konnte, haben kann: Jack ist Vater geworden, Sawyer hat die wichtigste Weiche in seinem Leben anders gestellt, Hurley ist ein reicher Glückspilz, Ben setzt beim Fällen von Entscheidungen andere (menschliche) Prioritäten, Locke hat die Liebe seines Lebens gefunden und Sayid hat seine an seinen Bruder „abgegeben“. Eigentlich ist nichts so, wie es einmal war - oder gewesen wäre. Alle erwähnten Charaktere wurden bereits vor dem Absturz, mit lebensverändernden Umständen (bzw. deren Absenz) konfrontiert, was den direkten, globalen Einfluss der Insel auf unsere Losties belegt. Da erscheint das vermeintlich schicksalhafteste Ereignis der Serie, nämlich der Absturz des Flugs 815, plötzlich gar nicht mehr so wichtig - es rückt sogar deutlich in den Hintergrund. Der große Wendepunkt im Leben aller ist tatsächlich der Untergang oder Fortbestand der Insel: Ein Thema, das in den nächsten Episoden bestimmt noch aus allen Seiten beleuchtet werden wird.

In den Flash Sideways sehen wir außerdem dank ärgerlichen Wegkreuzungen, die allzu konstruiert wirken, aber schlicht nötig waren, um möglichst viele bekannte Gesichter ohne eigene Sideway-Folgen auf den Bildschirm zu bekommen, lieb gewonnene Charaktere wie Rose, Arzt und Charlotte, bei denen die Insel offenbar nun nicht über Leben oder Tod entschieden wird. Die Liste der „alternativen“ Personen hat sich also schon beinahe vervollständigt - wer fehlt da noch? Allen voran natürlich der von Daniel fast schon zum Herrscher über Raum und Zeit ernannte Desmond. Ist er auch in der alternativen Welt von so großer Wichtigkeit? Und ist er in der „realen“ Realität überhaupt noch von Bedeutung? Er könnte tatsächlich das entscheidende Bindeglied sein, das den Flash Sideways endlich einen greifbaren Sinn verleiht, damit man am Ende doch nicht das Gefühl hat, Stunden mit netten, kleinen „Was wäre wenn“-Geschichtchen vergeudet zu haben, die man uns gerne auch als Comics oder Webisoden hätte auftischen können.

Genug zu den vergangenen Folgen - was erwarten wir uns von den letzten zehn? In Anbetracht der Tatsache, dass wir so gut wie alle wichtigen Charaktere bereits im alternativen Universum gesehen haben, wäre es an der Zeit, die kleine Exkursion zu beenden. Holt Desmond ins Boot, schockt uns mit einer unglaublichen Enthüllung, die die Flash Sideways zu einem erzähltechnischen Glanzstück machen, und konzentriert euch dann bitte auf die Insel. Denn bei einem "Rückblick" auf Sayid, der zum zehnten Mal behauptet, er "sei nicht mehr so ein Mensch" (und solche häufen sich leider zunehmends; trotz anfänglichen Höhepunkten wie Jack/Locke am Flughafen), gähnen die grauen Zellen eines Lost-Fans inzwischen schon und warten gespannt darauf, bis man wieder auf der Insel ist und wirklich "neue" Informationen erhält. Davon gab es zugegeben schon sehr viele in dieser Staffel, aber die Seitensprünge drängten sich immer wieder als erzwungen-nostalgische Spaßbremse ins Bild. Wir Fans sind inzwischen wahnsinnige Schlittenhunde, die sechs Jahre für den Lauf ihres Lebens trainiert haben, und nun steht unser Herrchen ständig auf der Bremse. Lass uns doch endlich laufen, Herr Darlton!


Cause Destiny… is a fickle Bitch

Wohin laufen wir denn nun? Unser geschärfter Orientierungssinn sollte uns bei der Antwort auf diese Frage nicht allzu sehr enttäuschen dürfen. Wir erwarten etwas fulminantes, etwas so großes, das uns in den letzten Minuten keinen klaren Gedanken mehr fassen lässt, sondern nur mehr "what the fuck, what the fuck, what the fuck" stammeln lässt, während wir mit großen Augen auf den Bildschirm starren. Erst dann sind wir zufrieden, erst dann sind wir damit einverstanden, dass wir rund sechs Jahre lang behauptet haben, diese Serie werde in die Filmgeschichte eingehen. Die Produzenten haben uns bereits darauf vorbereitet, dass nicht jeder mit dem Finale zufrieden sein werde. Natürlich müssen sie die Erwartungen möglichst niedrig halten, um uns am Ende wirklich überwältigen zu können, und deshalb sagt uns unser Instikt auch, dass wir diese Aussage nicht ernst nehmen werden. Wir wollen zufrieden sein, wir wollen das große Ende, das wir erwartet haben, und wir können für nichts garantieren, wenn wir am Ende nicht 100%ig zufrieden sind. Dass Damon und Carlton ein wirklich gutes Gespür für unsere fanatischen Hoffnungen und unsere utopische Erwartungshaltung haben, stimmt dabei zuversichtlich.

Inhaltlich will man sich ja bis zum Ende auf die Charaktere konzentrieren, deren Entwicklung abgeschlossen werden soll. Dies erscheint zur Zeit doch eher schwierig: Kann Ben, der niemanden mehr unter sich hat und froh sein kann, noch am Leben zu sein, seinen Frieden finden? Vor allem jetzt, wo die Konfrontation mit Erzrivale Widmore so kurz bevorsteht? Kann Claire, trotz ihres Zustandes, mit ihrem Sohn glücklich werden? Kann Sayid, ebenfalls völlig daneben, einer von den "Guten" werden, wenn er seinen Freunden momentan lieber teilnahmslos beim Sterben zusieht? Ein entscheidender Faktor für die Erfüllung all dieser Muss-Kriterien für einen "runden" Abschluss dieser Charaktere erscheint dabei schon unabdingbar: Der Tod des "Widersachers". Ohne diesen Faktor werden Claire und Sayid - besessen vom „Bösen“ - ein jämmerliches Ende finden, und Ben darf mit der Gewissheit sein sinnbefreites Dasein fristen, alles auf der Insel in den Abgrund geführt zu haben.

Das Schicksal anderer Charaktere ist hingegen alles andere als gewiss: Was machen z.B. Kate und Sawyer, die zwar von der Insel runter wollen, aber doch wohl nicht so recht wissen können, warum eigentlich? Wer oder was wartet auf dem Festland auf sie? Warum fliehen, warum erneut vor ihren Freunden flüchten? Vor allem Kate darf sich dann dazu gratulieren, mit einem Flugzeug auf eine verdammte Insel gestürzt und dabei durch die Zeit geschleudert worden zu sein, eine Atombombe gezündet und 30 Jahre später einige nette Spaziergänge über die Insel gemacht zu haben. Das alles für einen Mordversuch und eine kurze Umarmung von der Frau, der sie (mit guten Absichten) das Kind gestohlen hat. Im Anschluss schnell ins U-Boot, um daheim die verpassten Episoden ihrer Lieblingsserie runterzuladen, oder wie? Hier erscheint die Motivation und der Ausgang zur Zeit noch sehr fragwürdig. Wenn nun Kate und Sawyer doch noch zueinander finden und zusammen glücklich werden, wäre das ein sehr erzwungener „Abschluss“ der Charaktere, der noch dazu Sawyers Liebe zu Juliet nachträglich in Frage stellt und ihren Tod als tragischsten von allen erscheinen ließe.

Bei der tapferen Gruppe, die gerade am Strandlager auf bessere Zeiten wartet liegt schon eher ein Hauch Schicksal in der Luft. Jack ist auf dem besten Weg, der neue Jacob zu werden (was es als neuer Insel-König wohl alles zu "richten" gäbe?), Hurley und Miles wirken aufgrund ihrer Gaben einfach zu wichtig, als dass sie keine wichtigen Rollen im Finale übernehmen würden, Ilana als Quasi-Tochter von Jacob und Lapidus mit seinem sich selbst erfüllenden Schicksal ebenso. Bleibt noch Sun, die uns mit Wortvariationen wie "Ich muss meinen Mann finden", "Hast du meinen Mann gesehen?" und "Ich kann nicht ohne meinen Mann gehen" seit Monaten bestens bei Laune hält (Ach, da war ja noch die Frage nach dem Alkohol. Sorry, ein cooler Spruch in zwei Jahren reicht leider nicht, liebe Sun). Bei aller Freude über ihre wunderbare, grenzenlose Liebe, ist inzwischen tatsächlich schon der zugegeben sadistische Wunsch aufgekeimt, dass Jin, gerade als er vor dem Sonnenuntergang in Zeitlupe auf Sun zuläuft, von Widmores Leuten erledigt wird.

Überraschend waren für viele die frühe Erwähnung der „Kandidaten“ und die plötzliche Gesprächigkeit einiger Charaktere, die zuließ, dass dieses ominöse Wort sogar erläutert wurde. Die Erklärung wirkt aber noch wenig zufriedenstellend: Nach all den Opfern, dem Entkommen und Zurückfinden auf die Insel, soll genau ein Mensch von all diesen wichtig sein? Nur einer? Und dieser wird dann zur „Belohnung“ auch noch für alle Ewigkeit an die Insel gefesselt? Sollte diese Story am Ende tatsächlich der Wahrheit entsprechen, bekommt jenes Wort, das wir dann schon zum 120. Mal lesen werden, für das arme Schwein plötzlich eine ganz neue Bedeutung: „LOST“.