Etwas später als gewohnt, dafür aber nicht weniger ausführlich, sinniert David heute über die "Halbzeit"-Folge der letzten Lost-Staffel. Morgen folgt dann auch gleich die Analyse zur aktuellen Episode.


Das ewig Böse
Nicht von dieser Welt: Nestor Carbonell in Tucker Gates „Ab Aeterno“

Es ist die Grundangst des Gläubigen in die Hölle zu müssen, weil man im Leben nicht gut oder nicht gläubig genug war. Mit dieser Vorahnung ist der Mensch manipulierbar, nicht wenige würden weit gehen um sich von Sünden reinzuwaschen. Das ewig Böse ist die größte Furcht des Menschen.


Die Geschichte des zur Zeit wohl interessantesten Charakters der Insel, Richard, spielt genau mit diesem Wissen. Er lebt tatsächlich schon eine halbe Ewigkeit, jedoch nicht immer auf der Insel, zumindest nicht auf dieser. Um seine Funktion erklären zu können drehen die Autoren und der Regisseur Tucker Gates das Geschehen gut 150 Jahre zurück in eine andere Welt. Richard ist ein Mann der einfachen Bedürfnisse. Er hat eine Frau und sein Haus, mehr braucht er nicht. Doch so gern wir ihn einmal in Harmonie und Ruhe gesehen hätten, dafür bleibt keine Zeit, obschon die Folge gute fünf Minuten länger ist als die durchschnittlichen 42 Minuten.

Es beginnt mit Tragik, denn Ricardos (er ist Spanier) Frau liegt im Sterben. Selbst das heilige Kreuz an der Kette und geklaute Medizin kommen zu spät. Als Richard von einem Tagesritt mit der Heilung zurückkehrt, ist seine Lebensliebe Isabella bereits tot. Kurz darauf wird er festgenommen, denn für die besagte Medizin hat Richard nicht ganz absichtlich einen Hausherren umgebracht. Jetzt soll er gehängt werden und es scheint keinen Ausweg zu geben. Richard ist naiv gläubig, „es muss einen Weg geben, um Gottes Gnade zu erlangen“, sagt er. Doch ein Pfarrer winkt ab. Die Hölle wartet auf Richard. Das macht ihm mehr zu schaffen als alles andere. Doch die selbst aneigneten Englischkünste des Spaniers retten ihn schließlich, er kommt als Gefangener auf ein Schiff. Selbstverständlich nicht auf irgendein Schiff. Es ist die Black Rock. Die Geschichte, wie Richard auf die Insel kommt, ist endlich erzählt.

Nestor Carbonell reiht sich neben Terry O’Quinn und Emilie de Ravin in die Liste der Schauspieler ein, die in dieser Staffel eine andere Figur darstellen müssen. Doch seine Darbietung ist jenseits von Gut und Böse. Den bisher bekannten Richard mit Eyeliner und Hemd kann rein gar nichts mit dem gläubig-treuäugigen Spanier von vor über 100 Jahren verbinden. Dass Carbonell beide spielt ist eine Leistung, die man kaum in Worte fassen kann. Warum der (ironischerweise) 42jährige New Yorker bisher keine größeren Rollen bekommen hat wird mit dieser Folge ein noch prägnantere Frage. Er schafft es seinen durch nichts zu erschütternden Glauben in gleichzeitig sympathischer und glaubwürdiger Weise auf den Bildschirm zu projizieren. Da stört auch die offensichtliche Naivität kaum. Als ihm Jacobs Widersacher verspricht, er würde seine Frau wiedersehen, wenn er denn nur den Teufel töte, zieht er voller Tatendrang los, vielleicht sogar wissend, dass er in sein Verderben rennt. So viel Liebe wünscht man sich von mehr Menschen. Als Jacob ihn später fragt, was er für die Dienste möchte, die er ihm bietet, fordert er als erstes seine Frau und sofort danach die Beichte. Das Reinwaschen all seiner Sünden. Beides kann Jacob nicht erfüllen. Was macht mal also, wenn es keinen Weg gibt nach dem Leben der Hölle zu entkommen? Man lebt ewig. Das kann Jacob sogar vollbringen. Kein vernünftiger Mensch würde so einen Wunsch äußern. Doch bei einem solche starken Glauben und der Angst vor dem ewig Bösen kann man das vielleicht sogar verstehen. Es wäre interessant zu sehen, wie sehr gläubige Menschen auf diese Folge reagieren. Moralisch kann man sie bei strengem Blick durchaus zwiespältig sehen. Denn der Glaube ist es, der Richard naiv und in gewisser Weise gefügig für zwei „Halbgötter“ macht.

Die Figur gerät in das Machtspiel dieser zweier Seiten, die gerade mal nebenbei das Prinzip der Lostwelt erklären. Ein mehr als mutiger Schritt, auf den man aber guten Gewissens stolz sein kann. In einer Folge die so liebevoll auf einen Charakter eingeht muss alles andere Nebensache werden. Und so ist es. Die Macher treffen eine klare Aussage. Jacob erklärt in wenigen Sätzen, worum es auf dieser Insel geht. Die Korrumpierbarkeit der Spezies Mensch. Das ist weiß Gott nichts neues und auch kein übermäßig interessantes Szenario, aber es ging nun eben auch immer mehr um die Menschen selbst, als die Geschichte um sie herum. So auch in dieser Folge. Wer eine eigene Folge für die ganze Mysteriösität dieses Eilands erwartet hat, wird hier erst mal enttäuscht.

Figurentechnisch ist diese Lösung aber wichtig. Wie viel hätte man ungeschickt angehen können, in der Geschichte um Richard. Die Erwartungen der Fans nach Antworten luden gerade dazu ein, hier nur eine Marionette zu zeichnen, die alle quälenden Fragen abarbeitet und selbst dabei im Hintergrund bleibt. Doch es dauert ganze 16 Minuten bis Richard das erste mal das Licht der Insel erblickt. Und auch dann gibt es keinen Erkundungsstreifzug. Tucker Gates lässt Richard mitleidserregend lange für seine Freiheit kämpfen, er scheitert zunächst immer wieder. Die Figur muss stark genug sein, um zu überleben. So hat es John Locke einst auch Charlie erklärt, als dieser seine Drogen zurückforderte. Und sie war stark genug um über 100 Jahre zu überleben. Am Ende wünscht man sich fast noch eine Folge für diesen Charakter, welche die Entwicklung bis heute zeigt. Doch diese haben die Macher sicher bewusst außen vorgelassen. Denn das wäre dramaturgisch eine schier unlösbare Aufgabe. Und vielleicht sogar zu viel für Nestor Carbonell.


David Segler für LOST-Fans.de