David, inzwischen berühmt-berüchtigt für seine kritische Sichtweise auf LOST-Episoden, hat sich der neuesten US-Folge gewidmet. Ob er die überwiegend positiven Meinungen der Fans teilt?



In der Matrix
Henry Ian Cusick steht vor einer schwierigen Wahl.
Der Zuschauer auch. „Happily Ever After“



Man kann sich gar nicht vorstellen, welche körperliche und psychische Belastung es sein muss, zwischen zwei Welten hin und her zu wechseln. Gerade noch ist hier alles in den Fugen, schon steht man ganz wo anders und muss sich umorientieren. So kann man es durchaus nachvollziehen, wenn Desmond am Ende eines Trips zwischen zwei Welten nur noch aus Gefügigkeit besteht. Wie ein Kind, dem man nicht erklärt hat, dass es nicht mit Fremden mitgehen soll, wirkt er in den letzten Minuten. Offen für alles. Aber vielleicht auch mit einem Plan. Diesen Spielraum klärt Henry Ian Cusick durch seine Darstellung nicht auf.

Die Verantwortlichen haben ihn immer noch nicht gehen lassen. Nach neun Folgen trügerischer Ruhe um den Romeo dieser Geschichte, kehrt er zurück und weil er keine alternative Realität vorzuweisen hat, macht man ihm eben eine. Charles Widmore der Erzfeind des ewig liebenden ist dafür verantwortlich. Mit Erklärungen hält man sich bedeckt. So spielt das Geschehen fast komplett in Desmonds zweiter Zeitlinie. Dort scheint er endlich mal alles zu haben. Einen guten Job, ein schnelles Auto samt Fahrer und die Anerkennung von Charles Widmore. Nur seine Julia hat er nicht. Penny ist ihm zumindest bis zum Ende vollkommen unbekannt. Und hier ist schon der Diskussionsansatz.

Jeder würde zustimmen, dass ihm damit wohl das entschiedene im Leben fehlt. Doch Gott sei dank gibt es diese großartigen Autoren mit dem Namen Lindelof und Cuse, die auch den natürlichsten Fakt in ein schiefes Licht rücken können. Als Demsond später auf die von der Zeit unabhängig scheinende Eloise trifft, zeigt sie ihm seine wirkliche Priorität auf. Er solle aufhören zu suchen, er habe das Wichtigste doch längst erreicht. Die Anerkennung seines Bosses, Widmore. Einen Moment steht die Welt still und man denkt über das hier aufgezeigte Menschenbild nach. Die Figur von Fionnula Flanagan hat sich noch selten geirrt. Was wäre das für eine Welt, wo ein Charakter wie Desmond seine Erfüllung in Anerkennung, nicht in Liebe fände? Möglicherweise eine sehr realistische.

Bevor ihm Charlie in der Folge den Anstoß gibt selbst diese Matrix nach Fehlern abzusuchen, schien doch wahrhaftig alles gut zu sein. Kein Anzeichen davon, dass irgendetwas fehlt. Nur ganz am Anfang als wiedereinmal die Spiegelmetaphorik zur Geltung kommt und Desmond sich in einer Flughafeninfotafel selbst sieht, scheint er irgendetwas zu vermissen. Vielleicht seinen Ehering, den er diesmal nicht trägt, im Gegensatz zum Flugzeug im Auftakt der sechsten Staffel. Die Grundsatzdiskussion die Cuse und Lindelof hier lostreten ist eine faszinierende. Auf Welcher Seite soll man denn eigentlich stehen? Ist man für die Scheinwelt, denn dort geht es doch allen besser, wenn ihnen nicht jemand versucht das auszureden? War die Matrix in der Wachowski-Vision wirklich so grausam, dass man Menschen daraus befreien musste? Vielleicht schon, schließlich wurden die „echten“ Menschen als Energiequelle der Maschinen ausgenutzt. Doch hier ist die Situation eine andere. Die „echte“ Welt ist eine Insel, auf der viele Menschen leiden, unter niederen Bedingungen leben und in der vor allem viele schon tot sind.

Wie viele Menschenleben wurden durch die Bombe am Ende der letzten Staffel gerettet? Und doch fiebert man mit Desmond mit, allein wegen diesem einen kleinen Wort „Liebe“. Welche Ironie. Doch ist es nachvollziehbar. Wer möchte Romeo am Ende ohne seine Julia sehen? Und so sucht Desmond entgegen aller Logik und rein aufgrund eines Gefühls nach der Wahrheit. Fast schon zu sehr wird man darauf aufmerksam gemacht, dass Liebe am Ende der Schlüssel sein könnte.

Es ist eine Desmond-Folge, ganz ähnlich der Struktur von früheren. Umso beeindruckender ist es, dass man seine Figur aufs Neue mit einer solchen Glaubwürdigkeit und Tragik inszenieren kann, ohne in eine offensichtliche Wiederholungsfalle zu tappen. Hinzu kommt eine Meisterleistung vom im März zurecht mit einem Oscar bedachten Michael Giacchino, der ein komplett neues Thema für den suchenden Desmond entwirft. Aber natürlich ist auch diese Folge nicht perfekt, bringt Bauernopfer. Daniel kommt unnatürlich schnell auf die Idee, wie diese für ihn falsche Welt entstanden sein könne. Und es gibt immer wieder kleine Momente der Unsicherheit bei den Autoren, so wäre zum gemeinsamen Whiskey-Umtrunk zwischen Desmond und Widmore kein weiteres Wort nötig gewesen. Doch sie konnten wohl auf den Dialog, der die Spiegelung überdeutlich perfekt macht, nicht verzichten.

Das entschiedene aber ist, dass diese Kleinigkeiten im Gesamtbild untergehen, in dem man sich am Ende wieder mal fragt, wo das alles hinführen soll. Doch erst mal ist man nur froh, dass Romeo seine Julia (natürlich im Sportstadion) kennenlernt, auch wenn es nur in der “Matrix“ ist. Gedanken über den Ausgang von Shakespeares Drama möchte man da ganz schnell verdrängen.


David Segler für LOST-fans.de