Nachdem letzten Sonntag das Serienfinale von LOST gelaufen ist, wurde in Fanlagern schon eifrig über die Folge und die Serie an sich diskutiert. Nun meldet sich auch der bekannte Theoretiker qu4d zu Wort und gibt Einblick in sein Empfinden über das Ende von LOST

Lieber Leser, lieber Lost-Fan, lieber Lost-Hasser. Reviews schreiben ist nicht unbedingt meine Stärke und ich weiss ehrlich gesagt auch gar nicht genau, wo ich überhaupt anfangen soll. Zudem ist das hier doch viel mehr eine Kolumne als ein Review, sollten Reviews in meinen Augen doch möglichst objektiv sein und auch wenn ich dies so oft wie möglich versuche - es kauft mir ja doch keiner ab. In manchen Augen bin ich nunmal eine grosse Hilfe, in anderen wiederum nur ein Fanboy, der sich alles schönredet - gegen Engstirnigkeit komme auch ich nicht an. In diesem Sinne lass ich das direkt sein und sage, was ich sagen will.

Lost war keine Serie im herkömmlichen Sinne und nahm mich in den letzten fünf Jahren (ja, fünf Jahre, Lost begann hierzulande erst am 4. April 2005) wie kaum etwas anderes in Anspruch. Sie hat mich fasziniert und das auf verschiedensten Ebenen - so sehr, dass aus dem Spass irgendwann eine regelrechte Arbeit wurde. Ich wollte wissen - immer mehr und mehr. Ich habe nicht mehr im Kopf, wie viele tausend Stunden ich aufgebracht habe, um mich mit diesem Konstrukt zu beschäftigen. Wie viele Nächte ich durchgemacht habe, um mich zu belesen, um zu lernen, um zu forschen. Und ich bereue davon nichts. Keine einzige Sekunde. Warum sollte ich auch? Ich habe mich fortgebildet - es war, nein, es ist meine Leidenschaft. Ich habe mich mit Religion, Philosophie und Quantenphysik beschäftigt und mir darüber den Kopf zerbrochen - mir Gedanken über mich und mein Leben gemacht - Gedanken über den Menschen. Warum sollte das alles für den Popo sein? Weil mich davon nicht alles bei Lost weitergebracht hat? Ich habe in den letzten Tagen viele Meinungen gelesen, die eben das behaupten - egal wie sehr man sich mit dieser Serie beschäftigt hat, es war letztendlich offenbar sinnlos. Ich frage mich: Warum? Ist das Denkvermögen mancher so eindimensional, dass sie Gelerntes für so wertlos abstempeln, weil es sie nicht immer zum gewünschten Ziel gebracht hat?

Gestern Abend befand ich mich nun am heiligsten Ort der Welt, an dem wohl schon mindestens jedem zweiten schon einmal eine Offenbarung kam. Ich sass auf dem Klo und mich traf der Schlag - endlich wusste ich, warum diese Geschichte für viele zum Scheitern verurteilt war - und das von Anfang an. Das, wofür die Serie anfangs so gelobt wurde, das, was soviel Spass an ihr machte, wurde ihr zum Verhängnis und dem für viele wohl grössten Fehler in der Geschichte. Nun gut, der gesamten Geschichte ist wahrlich übertrieben - dann eben zum grössten Fehler des (amerikanischen) Fernsehens: Sie regte zum Denken an, wie kein Werk zuvor. Und genau das finde ich so kurios, dass ich alleine das Verhalten vieler Zuschauer noch faszinierender finde, als die Serie selbst, die all diese Leute selbst erschaffen hat.

Lindelof, Cuse und all die anderen Autoren haben dieses Verhalten provoziert - der Zuschauer wurde regelrecht darauf trainiert, sich selbst Gedanken zu machen. Und das rächt sich nun. Lost war nicht nur eine Serie, nicht nur eine Geschichte - es war eine Revolution, die mit jeglichem Sehverhalten brach. Als Zuschauer ist man es nicht gewohnt, dass diese Form der Unterhaltung Konventionen sprengt. Die Erfahrung Lost endete nicht wöchentlich mit den 42 Minuten an Abenteuer, Mystery und Charakteren - es ging weitaus darüber hinaus und der Beweis ist hier direkt vor dir, lieber Leser. Diese Internetpräsenz, dieses Forum und all die anderen unzähligen Blogs und Foren und Podcasts und Kunstprojekte und Parodien und und und und und... Lost wurde zum Kult von abermillionen Fans weltweit - Nachdenken wurde zum Mainstream.

Ich habe lange Zeit darüber nachgedacht, wie das mit anderen Kultserien ist. Gab es so etwas früher schon? Irgendwie ja und auch nein. Twin Peaks oder die X-Files sind nun auch schon etwas länger Geschichte, aber immer noch in den Köpfen der Menschen. Auch dort wurde nie alles erklärt - der grosse Aufschrei blieb jedoch aus. Zumindest ist er mir nicht bekannt. Warum? Weil beide Serien, zumindest in meinen Augen, nur hervorragende Geschichten waren. Das geht mir auch heute noch so: Ich schaue sehr sehr gerne Fringe - weil es darin eine Handvoll richtig toller Charaktere gibt, die Ereignisse absolut abgedreht sind und die Handlung einfach spannend ist. Ebenso eine kleine Serie namens Breaking Bad. Breaking Bad ist nun auch eine Serie, bei der ich jeder neuen Episode entgegen fiebere. Warum? Weil sie einfach nur verdammt gut geschrieben ist - die vielleicht am besten geschriebene Serie, die ich je gesehen habe. Weil das Schauspiel wahnsinnig toll ist und auch schon vollkommen zurecht mit einem Emmy belohnt wurde. Weil sie so spannend ist, dass dabei manchmal mein Herz regelrecht zu rasen beginnt und ich mich in meinem Sofa festkralle. Es ist für mich die so ziemlich perfekte Unterhaltung. Doch all diesen Serien, und ich könnte noch 100 Andere aufzählen, fehlt der entscheidende Lost-Faktor: Die Anregung nachzudenken - mich mit der Serie zu beschäftigen. Ich werde überall wöchentlich alleine gelassen. Ich schaue Breaking Bad, gebe dazu vielleicht meinen Senf in Form von zwei bis drei Sätzen im Forum ab und das war es. Warum hat zum Beispiel Breaking Bad nur einen Thread in einem Forum? Warum gibt es nicht gleich drei bis vier deutsche Foren darüber? Weil es schlicht und ergreifend nichts respektive nicht viel gibt, worüber man spekulieren kann. Weil es bei reiner Unterhaltung bleibt.

Lost hat es aber nun geschafft, diese Grenze zu überwinden. Nicht nur mich zu motivieren - sondern auch viele viele andere Menschen. Und diese auch zu vereinen. Lieber Leser, ich frage dich: Hast du dich hier im Forum angemeldet, um mitzulesen oder mit zu diskutieren? Wenn ja, warum? Und wenn ja, für wie viele andere Serien hast du das schon getan? Nicht viele, nehme ich an. Wenn das so ist, musst du eingestehen, dass Lost nicht nur eine einfache Serie ist - irgendetwas hat dich dazu bewegt, dich für für mehr zu interessieren. Irgendwie hat man es geschafft, die Neugier so zu wecken, wie es keine andere Serie vor ihr getan hat. Ich kann es nicht einmal genau beschreiben, was es ist und warum - irgendwie haben es die Autoren geschafft, dass ich nicht nur der Geschichte Folge, sondern auch etwas daraus mitnehme.

Ich versuche einmal ein Beispiel zu erläutern. Dazu nehme ich Star Trek, eine Serie, die wohl auch vom extremen Kult lebt. Aus der Original Series entstanden mehrere Ableger und Kinofilme und tausende Franchise-Artikel. Dabei ist es auch nur Fiction. Um das zu verdeutlichen, bitte ich dich, dir die Top Ten Trek Technobabbles anzuschauen. Im Star Trek Universum ist es nun so, dass das zumindest für mich, wie im Video beschrieben, einfach nur pseudowissenschaftliches Technikgebrabbel und es interessiert mich einen feuchten Dreck, wie das funktioniert. Wenn ich denn mal Star Trek schaue, blende ich das aus und geniesse die Story. Zuletzt auch beim letzten Star Trek Film (geschrieben von JJ Abrams, Damon Lindelof und zwei Autoren von Fringe) - dafür erfindet man einfach rote Materie, die Zeitreisen ermöglicht, wie auch immer das funktionieren soll. Und ganz ehrlich, es ist mir egal - der Film hat mich auf hohem Niveau unterhalten und das ist alles, was mich interessiert. Bei Lost hingegen sagt Pierre Chang im Orientation-Video, dass man unter der Erde exotische Materie vermutet. Ich bin daran interessiert und schaue kurz bei Wikipedia nach exotischer Materie und was steht dort? Das ist so ein Zeug, von dem man annimmt, dass es Wurmlöcher ermöglicht. Ich bekomme meinen Aha-Moment und weiss nun: Als sich die Insel bewegt hat, hat sich wohl ein Wurmloch geöffnet. Das ist alles, was ich wissen muss. Wie das genau funktioniert? Unmöglich zu erklären - zumindest für mich. Verdammt, ich kann nichtmal erklären, wie die Diktiergerätfunktion meines MP3-Player funktioniert - ich drücke auf Aufnahme, spreche danach etwas ins Mikrofon und schon liegt das gesagte auf einem kleinen Speicherchip.

Ein anderes Beispiel mit konkretem Lost-Bezug wäre die Statue mit vier Zehen. Mittlerweile hat man sie komplett gesehen und erfahren, dass dies die ägyptische Gottheit Taweret ist. Nun taten sich aber Fragen auf, wer diese Statue gebaut hat und warum überhaupt? Nun... um ehrlich zu sein, verstehe ich diese Fragen nicht einmal. Wer soll die Statue denn gebaut haben, wenn nicht die Ägypter? Katrin und Klaus aus Dänemark? Natürlich waren es die Ägypter. Oder zweifelt jemand daran, dass die Ägypter die Sphinx von Giseh erbaut haben? Ja, warum wurde die überhaupt erbaut? Weil es der Glaube der Ägypter war? Warum hat die Statue auf der Insel vier Zehen? Warum hat die Sphinx einen Katzenkörper und einen Frauenkopf? Hast du dich das schon einmal gefragt? Wenn das in unserer realen Welt einfach hingenommen wird - warum ist dies dann in der Serie so ein Mysterium? Eine Frage, die ich nie verstehen werde.

Vielleicht ist auch gerade das der Grund, warum dieser Serie so oft vorgeworfen wird, dass es noch so viele offene Fragen gibt. Dabei sind die Antworten entweder meistens einfacher als man denkt oder so offen, dass man sich seinen Teil denken muss. Es werden einem nicht alle Antworten auf die Rätsel vorgekaut serviert - warum sollte man das auch tun? Es hat jahrelang Spass gemacht, mit zu rätseln. Warum sollte man damit jetzt aufhören? Und das ist der wohl, wie ich bereits gesagt habe, grösste Fehler, den Lindelof, Cuse und so begangen haben. Sie haben sich in einem Teil ihrer Zuschauer vertan, in dem sie annahmen, dass es etwas bringt, sie zum Nachdenken anzuregen. All die Anregung war unnütz, weil immer noch erwartet wird, dass einem zum Ende hin alles erklärt wird. Dass man mit einer Sache einfach so abschliessen kann und zur nächsten Geschichte springen, wie bei jeder anderen Serie auch. Diese Annahme war falsch. Dieses Risiko sind Abrams, Lindelof und Cuse eingegangen und sie werden ihr Leben lang damit bezahlen, die Leute zu sein, die Lost erschaffen haben und für immer in dessen Schatten stehen werden. Lost ist keine Serie - Lost ist eine Revolution, für die die Zeit noch nicht gekommen war.

Dass es manchmal auch an der Umsetzung krankte, kann man nicht bestreiten. Hunderte kleine Fehler trüben das Gesamtbild, doch wenn ich mir das Gesamtbild anschaue, ist es einfach wunderschön. Wie ein Mosaik aus 100.000 Teilen. Je näher man an das Bild herangeht, desto klarer erkennt man, dass die Übergänge zwischen den Teilen nicht immer optimal sind. Doch das grosse Ganze bleibt ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk aus 121 Episoden - aus tausenden Szenen und aus vielen kleinen Extras, über das man noch lange reden wird, ob gut oder schlecht. Lost wird in den Köpfen bleiben, davon bin ich überzeugt.

Womit ich zum Ende kommen möchte. Zum Ende von Lost und dem Ende dieses Beitrags. Das Ende von Lost. Ja, was soll man dazu sagen? Mich persönlich hat es sehr gerührt, verstehe aber auch, wenn andere Zuschauer davon kalt gelassen wurden. Was ich jedoch nicht verstehe ist die Aussage viele Menschen, die meinen, dass damit die komplette Serie hinfällig wird. Warum sollte sie das werden? Was geschehen ist, ist geschehen und daran wird sich nichts ändern. Die Taten aller Personen werden nicht nichtig, weil sie irgendwann sterben. Gerade diese Art und Weise erforderte Mut der Autoren, für den ich sehr dankbar bin und ich tiefsten Respekt empfinde. Der Tod wird allgemein als nichts schönes angesehen, doch gehört er zum Leben dazu. Ohne Leben gibt es keinen Tod, ohne Tod kein Leben. Man spricht nicht gerne darüber, er ist unangenehm. Schon der eigene Überlebenstrieb würde vom Tod am liebsten nichts wissen wollen und doch hatte man den Mut, den Zuschauer mit der knallharten Wahrheit zu konfrontieren. Ich werde eines Tages sterben. Du wirst eines Tages sterben. Und irgendwann wird die Sonne nicht mehr scheinen und alles Leben wird aufhören in seiner jetzigen Form zu existieren. Es ist ein unvermeidliches Ereignis und ein auswegloser Kampf gegen die Unendlichkeit.

Ich frage mich auch, ob dies nicht der Grund ist, warum dieses Ende nicht überall auf Wohlgefallen trifft. Ist es die Konfrontation mit dem Tod, zu der sich kaum jemand traut, etwas zu sagen? Weil es unangenehm ist? Weil man es in dieser Form nicht kennt? Weil man von einer Mainstream-TV-Serie so etwas nicht erwartet? Ich frage mich: Wäre die Serie respektive das Ende „besser“, wenn man auf die imaginäre Welt der Flash-Sideways verzichtet hätte und dabei einzig und allein die Geschichte auf der Insel erzählt hätte, bei der Jack am Ende stirbt? Wäre es dann nicht wie jede andere Geschichte, die mit einem Happy oder auch Bad End abgeschlossen wird? Was wäre, wenn man am Ende der Star Wars Saga sagt, dass die gesamte Geschichte sinnlos sei, weil Luke Skywalker letzten Endes ebenfalls stirbt? Ist es nicht vollkommen belanglos, ob Carrie Bradshaw in Sex and the City ihren Mr. Big bekommt? Sie stirbt doch eh irgendwann. Nur traut man sich in all diesen Geschichten nicht, das zu sagen. Weil es unangenehm ist. Weil es kein schönes Gefühl ist, zu wissen, dass man irgendwann nicht mehr auf dieser Erde wandelt.

Aber gerade dieses Ende offenbart eine Möglichkeit, wie es dann aussehen könne. Ich bin auch kein religiöser Mensch. Ich bin weder Christ, noch Jude, noch Moslem, noch sonst irgendetwas. Ich weiss nicht, was mich nach meinem Tod erwartet. Niemand weiss das. Niemand kann es wissen, nur glauben. Aber es ist ein schönes Gefühl, denken zu können, dass man auch dann nicht alleine ist und mit den Menschen zusammen sein kann, die man liebt - wohin auch immer die Reise gehen mag. Dafür bin ich dankbar.

Danke für's Lesen. Es werden nicht meine letzten Worte gewesen sein.

von Stefan „qu4d“ Lensa