Das offizielle Lost-Game von Ubisoft ist für PC, Xbox360 und Playstation 3 erhältlich. Nachdem ihr viele Screenshots und Videos zu Gesicht bekommen habt, haben wir das Game nun genauer unter die Lupe genommen.

Lohnt sich der Kauf? Findet es in unserer ausführlichen Review heraus.


Lost: Via Domus - Review

Ihr wolltet schon immer die Insel auf eigene Faust erkunden, dabei Dharma-Stationen durchforsten, Tauschgeschäfte mit Sawyer abwickeln, Dinge in die Luft jagen und vor dem mysteriösen Rauchmonster fliehen?

Willkommen bei „LOST: Via Domus“, der
interaktiven Lost-Episode zum Selberspielen!



Die Entwickler in den Ubisoft-Studios in Montreal nahmen wahrlich kein einfaches Projekt in Angriff als der Beschluss „Lost: Das Spiel“ zu erschaffen fiel. Eine Serie mit einer treuen Gefolgschaft von der hohe Ansprüche gestellt werden sollte natürlich nicht irgendwie in Polygone gequetscht werden: Authentisch sollte es sein und den Fans musste es gefallen.

Man hatte Glück die ausführenden Produzenten der Serie an Bord zu haben, denn so wurden Idee und Story entwickelt und es wurde sichergestellt, dass das hohe Niveau der Serie auch auf diesem Storyboard festgehalten wurde. So entstand Elliot, ein uns bislang unbekannter Überlebender, der auf seiner Reise über die Insel und durch seine eigene Vergangenheit zahlreiche Elemente aus der Serie wieder findet. Sogar Storybögen aus den Alternate Reality Games (The Lost Experience) sind (vor allem in Flashbacks) stark vertreten.

So sucht man also als Reporter mit Gedächtnisverlust „Via Domus“ (den Heimweg), lernt dabei Freunde und Feinde kennen, und versucht in Flashbacks die eigene Vergangenheit zu verstehen.


Story und Aufbau – Gestrandet als Elliot Maslow

Die dichte Zusammenarbeit mit den Autoren der Serie ist nicht von der Hand zu weisen: Schon nach einer kurzen Einleitung, dem Crash von Flug 815, beehrt uns das vertraute Intro und nach der Einleitungsepisode überrumpelt uns das starre „LOST“-Logo nach einem Cliffhanger. Die Wartezeit auf die nächste Folge beträgt zum Glück immer nur ein paar Sekunden: Ein „Bisher bei Lost“ fasst alles Wichtige zusammen (sollte gerade ein Freund zur Tür reinkommen und alles verpasst haben…), und schon bekommt man die Kontrolle über Elliot zurück.

Gerade dieser Aufbau sorgt aber auch dafür, dass das Spielvergnügen nicht gerade lange währt: Eine der sieben Episoden dauert durchschnittlich wirklich nur 45 Minuten, und so dürften die meisten Spieler nach fünf bis sechs Stunden schon den Abspann sehen. Nichtsdestotrotz lassen die vielen Schauplätze und Storyfortschritte das Spiel üppig erscheinen, nur verbringt man eben überall nur wenig Zeit, da es an Aufgaben mangelt.

Hier wären mehr Minigames angebracht gewesen, die leider ziemlich karg ausgefallen sind. Warum immer wieder Schaltkreise reparieren, wenn man auch Wildschweine jagen könnte? Warum am Computer Intelligenztests lösen, wenn Locke doch so gerne Backgammon spielt? Hier wirkt es leider, als hätten die Entwickler einfach nicht genug Zeit gehabt, alle Möglichkeiten auszureizen. Das Spiel umfasst die Staffeln 1 bis 3 und in den USA sind diese lang gelaufen. So brachte man das Game nach nur wenigen S4-Folgen auf den Markt - Vielleicht damit es aktuell wirkte? Etwas mehr Entwicklungszeit hätte dem Game aber auf keinen Fall schaden können. Da hätten die Fans bestimmt ein Auge zugedrückt wenn der aktuelle Lost-Stand inzwischen ein ganz anderer ist.

In jeder der sieben Episoden erwartet den Spieler ein Flashback. Ein Erinnerungsfetzen, den Elliot nur vage in seinem Gedächtnis hat ist der Auslöser dazu. Ihr begebt euch also mit einer Kamera an die Location dieser Erinnerung und versucht dort, ein aussagekräftiges Foto zu machen, das dem Gedächtnis des Reporters auf die Sprünge hilft. Ist dies geschafft, erfahrt er und ihr mehr über seine Vergangenheit, was in der Regel auch dem Fortschritt auf der Insel zugute kommt.

In den Rückblicken, aber auch auf der Insel selbst, gilt es auch einige „Easter Eggs“ zu finden. Diese sind immer Teil einer bestimmten Reihe von solchen versteckten Hinweisen, und sobald alle gefunden sind, werden Extras (Artworks) im Menü freigegeben. Reicht es in den Flashbacks aus z.B. einen Anrufbeantworter abzuhören, muss man auf der Insel selbst Fotos von wichtigen Schlüsselelementen schießen, die Elliot für besonders interessant hält. Wer das „Extras“-Menü also komplett entschlüsseln möchte, dürfte sich damit die Spieldauer noch etwas verlängern. Praktisch ist dabei, dass man jede Episode vom Menü aus einzeln starten kann um Schauplätze nochmals zu besuchen.


Find Yourself – Das Gameplay und die Steuerung

Wer aufmerksam liest sollte bei „Via Domus“ eigentlich keine Probleme haben, im Spielverlauf weiterzukommen. Oft befindet man sich an Punkt A und muss irgendwie nach Punkt B gelangen. Das geschieht meist über Reisen durch den Dschungel, in denen man entweder Vincent folgt, Schildern und Fahnen nachgeht, oder panisch bei der Flucht vor dem schwarzen Rauch die Orientierung verliert. Irgendwie gelingt es einem schließlich doch, und dann bewundert man meist einen vertrauten Schauplatz in schöner 3D-Grafik. Ist man dort fertig, kehrt man zum Strandcamp zurück oder besucht den nächsten Schauplatz.

Im Hintergrund steht immer die Story, die meist logisch erklärt, warum man wohin muss. So bricht man zum Cockpit auf um seine eigene Kamera wieder zu finden oder besorgt in Dreimal-dürft-ihr-raten-Wo ein paar Stangen Dynamit.

Am PC navigiert man den Charakter wie so oft mit den Tasten ASDW durch den Dschungel. E und STRG lösen bestimmte Aktionen aus (Licht / Waffen), L zeigt das Aufgabenbuch und I das Inventar. Die Maus mit ihren beiden Tasten erledigt den Rest. Die Eingewöhnungszeit ist quasi nicht existent und Zocker dürften ohne nachzulesen instinktiv drauf los laufen können. Falls doch mal etwas unklar ist findet man entsprechende Hinweise auf dem Bildschirm oder im Notizbuch.

Ausnahmen von der klassischen 3rd-Person-Steuerung gibt es hin und wieder bei kurzen Schießereien oder Verfolgungsjagden. Ist Smokey einem auf den Fersen darf zum Beispiel über Wurzeln gesprungen und unter Bäumen hindurch gerutscht werden. Brenzlig wird es wenn man die Taschen voll Dynamit hat und mit Smokey im Rücken den Weg ins sichere Gebüsch finden will. Da steht man schon mal vor der Wahl: Laufe ich und gehe in die Luft, oder schleiche ich und werde gefressen? Mit etwas Geschick ist aber auch diese Situation zu meistern.

Nicht immer reicht das aber aus: Anfangs kann es passieren, dass man plötzlich in einer stockdunklen Höhle steht, keinen Schimmer hat was vor sich geht, und dann auf den Game Over-Screen guckt (die Antwort lautet „Rauchmonster“, das sich in der Höhle breit macht wenn es zu finster ist). Auch verliert man leicht die Orientierung nachdem man im Gebüsch versteckt ausgeharrt hat und dann den eingeschlagenen Weg fortsetzen will. Da sich solche Abschnitte aber nie außerordentlich lang gestalten sind sie trotz der kleinen Eigenarten nach ein paar Versuchen bewältigt.


Grafik und Sound überzeugen

Die Grafik ist zeitgemäß und angenehm anzusehen wenn man ein ausreichend starkes PC-Modell oder eine Konsole sein Eigen nennt. Bei den Flashbacks und „Bisher bei Lost“-Zusammenfassungen sieht man aber, dass noch etwas mehr gegangen wäre: Dort wirken die Szenen dank gelungener Filter gleich nochmal etwas schicker. Nichtsdestotrotz muss das Lost-Fanherz einfach höher schlagen wenn man durch den frei begehbaren Bunker und andere Schauplätze läuft.

Musikalisch glänzt das Spiel dank Michael Giacchino. Fans rechnen automatisch mit vertrauten, stimmungsvollen Soundkulissen wenn etwas unerwartetes passiert oder man einen neuen Bereich betritt. Und genau diesen Soundtrack spendierte Giacchino auch dem Game. Dazu ist eigentlich nicht viel mehr zu sagen: Egal ob Serie oder Spiel – die Musik ist ein Ohrenschmaus.


Authentizität – Willkommen auf der Insel

Wie einleitend erwähnt hat Ubisoft zur Freude von uns Fans sehr viel Wert darauf gelegt, ein authentisches Game für treue Zuschauer zu erschaffen. Und da ihnen dies gelungen ist, macht dieser Aspekt eigentlich fast alle genannten Schwächen wieder wett.

Welcher Fan hat sich nicht seit der ersten CounterStrike-Lost-Karte gewünscht, die Locations von Lost in prachtvoller 3D-Grafik zu bestaunen? Viele davon wurden nun mit Liebe zum Detail umgesetzt und auf eine DVD gepackt und zudem sogar noch mit einer neuen Charakter-Storyline untermalt. Das alles macht das Game zu dem, was es ist: Sieben Lost-Episoden zum Selberspielen.

Schauplätze bis einschließlich der dritten Staffel wurden umgesetzt, die Reihenfolge in der ihr sie besucht gestaltet sich aber etwas anders als in der Serie. Den Anfang macht aber selbstverständlich der Strand, an dem ihr in Episode 1 den Flugzeugabsturz life miterlebt. Hier fällt leider schon ein kleiner Kritikpunkt auf: Es gibt zu wenig „Statisten“. Da meist nur die Hauptcharaktere (und ein paar Leichen) in der Landschaft verteilt wurden, kommt keine richtige Absturz-Panik auf. Auch das spätere Strandlager wirkt leider etwas leer, da dort nur ein halbes Dutzend Losties seinen typischen Tätigkeiten nachgeht.

Die bekannten Hauptcharaktere sieht man jedoch immer wieder, da sie oft den Weg weisen oder wichtige Hinweise liefern. Das gegenseitige Vertrauen muss man sich aber erst erarbeiten, und so wirken Jack, Sayid und vor allem Michael anfangs doch etwas unhöflich und unsympathisch. Sawyer hingegen erweist sich als sehr kooperativ – Kein Wunder: Er will euer Obst, Wasser und eure Lektüren gegen für euch überlebenswichtige Dinge tauschen. Die optische Umsetzung der Charaktermodelle ist durchaus gelungen, auch wenn man zugeben muss, dass Hurley ein paar Polygone (oder Wildschweinbraten?) zuviel abbekommen hat.

In der deutschen Fassung wird die Authentizität von allen bekannten Synchronsprechern untermalt, in der US-Version haben immerhin sechs der Schauspieler für die Synchronisation Zeit gefunden.


Via Domus – Das Fazit

Im Falle von „Lost: Das Game“ nach einer Kaufempfehlung zu fragen dürfte verschiedenste Reaktionen auslösen. Aus der Sicht eines begeisterten Gamers werden wohl die oben erwähnten Kritikpunkte überwiegen und ihn vom Kauf abhalten. Doch das Game wurde eindeutig auf die Fans zugeschnitten und somit war auch die Entwicklung eine völlig andere: Hier wurde ein Großteil der Zeit in die Zusammenarbeit mit den Produzenten gesteckt, um treue Zuschauer zufrieden zu stellen. Dass andere Bereiche darunter leiden mussten, ist nicht abzustreiten.

An dieser Stelle solltet ihr euch also die Frage stellen: Wollt ihr ein Game, das euch über Wochen hinweg fesselt und euch jegliche Bewegungsfreiheit bietet, oder seid ihr bereit, in eine Lost-Episode mit Drehbuch einzusteigen und euch von der Story dorthin tragen zu lassen, wo ihr hin müsst?

Seid ihr für Letzteres offen, so habt ihr beim Kauf nichts zu befürchten, und einer ganz speziellen „Lost Experience“ steht nichts mehr im Wege.


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Harald Kerschhofer für LOST-fans.de
Wir danken Ubisoft für die Zusendung des Review-Exemplares!