David meldet sich zur sechsten Staffel zurück und wird versuchen, euch jede Woche seine Beobachtungen und Ansichten zu den letzten 18 Episoden mitzuteilen. Heute beginnt er mit der ersten Doppelfolge.



Nostalgie und Neuland

Am Unmöglichen gescheitert: Jack Benders „LA X“


Sie können einem schon ein bisschen Leid tun, die Herren Damon Lindelof und Carlton Cuse, Gesamtleiter des Projektes Lost. Denn so schwer wie in den letzten Monaten hatten es die beiden sicherlich lange nicht mehr, bei Lost gar gewiss noch nie. Es ist die sechste und letzte Staffel, die ihnen so zu schaffen macht. In 18 Folgen alle Fragen der Fans, alle Begehren der Junkies und alle Wünsche der Zuschauer zu erfüllen lautet die Erwartungshaltung. Natürlich ist das eine Utopie, aber darauf wird keine Rücksicht genommen. Nie war die Erwartungshaltung so hoch. Und dann gibt auch noch der wohl mächtigste Mann der Welt bekannt, er werde seine Rede zur Lage der Nation nicht am Abend des Staffelauftaktes, dem 02.02.10 halten – aus Rücksicht auf das Inselabenteuer. Wenn bis dahin die Erwartungen nicht ins unermessliche gestiegen waren, dann zu dem Zeitpunkt.

Zumindest haben sie es teilweise selbst in der Hand, zeichnen sich für das Drehbuch der 80minütigen Folge mit dem schönen mehrfach interpretierbaren Titel „LA X“ (der Flughafen in Los Angeles heißt LAX). Das X steht in Comicbüchern für alternative Zeitlinien. So haben die beiden schon wieder vor der eigentlichen Auflösung den Hinweis gegeben, worauf es hinausläuft, wie damals Ende der dritten Staffel beim Anagram des Bestattungsinstitutes Hoffs / Drawlar, welches den Flashforward voraussagte.

In eben dieser alternativen Zeitlinie sind die Passagiere von Oceanic Flug 815 nie abgestürzt. Zwar drohen wieder einmal Turbulenzen doch nach einem mit Musik untermalten Spannungsmoment ist es schnell klar: Das Flugzeug wird sicher in LA landen, mit ihm die Hauptfiguren. Kate in Handschellen, Jack besorgt um seinen Vater und Locke im Rollstuhl. Er ist sofort als eindeutiger Verlierer des Resetknopfes zu erkennen, denn dass er tatsächlich an einem Walkabout teilgenommen hat, will so recht niemand glauben.

Eine fünf Jahre alte Geschichte wieder aufzunehmen, sie neu zu verfilmen und dabei den richtigen Grad an Nostalgie und Neuland zu finden ist eine geniale Idee aber ebenso eine Herausforderung, die Meisterleistungen von der Regie verlangt. Jack Bender scheitert daran sichtlich. So schön er die alten Gesichter auftauchen lässt, so viel Zeit er sich nimmt, um die Passagiere aus dem Flugzeug steigen zu lassen, es bleibt alles unterkühlt. Vielleicht auch, weil man schnell weiß, dass es nicht die Realität ist. Emotionalität zu Bildern aufzubauen ohne dabei zu wissen, ob man diese für voll nehmen kann gleicht einem Ding der Unmöglichkeit. Und trotzdem wünscht man sich, man könne sich mehr freuen, könne erleichterter sein, dass diesmal bei der Landung alles gut gegangen ist.

Neben der X-Realität gibt es eine zweite, die viel echter wirkt. Die Insel. Trotz versprochenem Neustart wachen alle Charaktere mit Hörsturz auf der Insel auf, wieder zurück im Jahr 2007. Auch hier ist Bender nicht konsequent genug. Dass nach drei Jahren Kampf und Leid die finale Hoffnung auf endgültige Erlösung nicht funktioniert hat und man immer noch auf dem verfluchten Eiland festsitzt, wird von den Charakteren viel zu leicht hingenommen. Man sieht ihnen kein Stück Resignation an und das obwohl sie schon so lange viel mehr ertragen müssen als sie eigentlich glaubhaft verkraften können. Sie werden von einer Handlung in die nächste getrieben, scheinen einen unendlichen Kraftbehälter zu haben, der sie weiter treibt – was auch passiert. Einzig Sawyer ist ob seiner toten Liebe völlig am Ende. Nach den Geschehnissen der letzten Zeit hätte man das aber von jeder Figur erwartet. Ansonsten ist der Verlauf der Geschichte inklusive Maya-Tempel und neuen Mysterien spannend erzählt und vor allem gut gespielt.

Nach fünf Jahren haben alle Darsteller ihrer Rolle vollkommen verinnerlicht. Auch Terry O´Quinn. Er ist die zweite große Tragik dieses Auftaktes. Denn seine Rolle lebt nicht mehr, nur noch ihr Körper. Und war John Locke jemand, der sich dadurch einzigartig gemacht hat, dass er auf einem Grad zwischen selbstbewusster Egomanie und unendlicher Zerbrechlichkeit wanderte, so ist die neue Figur, die O’Quinn darstellen muss (zumindest in dieser Folge) viel eindimensionaler angelegt. In ihrer Welt gibt es kein Scheitern und Hinterfragen mehr, sie hat ein Ziel und wird ohne Kompromisse darauf zusteuern, wie einst Marton Keamy. Der herrlich bedrohliche Muskelprotz Kevin Durand wäre perfekt für diese Rolle gewesen. Vielleicht wäre dies auch O’Quinn gewesen, jedoch nicht wenn man ihn zuvor 5 Jahre in der grandiosen Rolle des John Locke gesehen hat.

Ihr Handwerk haben Damon Lindelof und Carlton Cuse gewiss nicht verlernt. Denn am Ende dieser Doppelfolge weiß keiner, wo es hingeht. Und das ist ja immer noch die Prämisse, die Lost ausmacht. Trotzdem kann man sich dem Eindruck nicht verwehren, dass Obama sich ob dieser Folgen ein klein wenig geärgert haben könnte, seine Rede verschoben zu haben.


David Segler für LOST-fans.de