Aufgrund eines übervorsichtigen Spamfilters kommt Davids Review zur Episode "Recon" erst heute online. Er analysiert dabei das neue Einkaufslisten-Konzept von LOST und konzentriert sich auf recyclebare Charaktere. Die Reviews zu den neuen Episoden folgen voraussichtlich am Ende der Woche.


Mal kurz ins Buch schauen
Jack Bender inszeniert eine Einkaufsliste

So schön das Wiedersehen ist, kann man sich doch nicht dem Eindruck verwehren, die alternative Zeitlinie verkommt immer mehr zu einer großen Abschiedsfeier der Serie mit hochkarätiger Gästeliste. Jeder, der in den letzten fünf Jahren beteiligt war, wird gebührend verabschiedet und darf noch mal den ein oder anderen Satz sagen. Oder bei großem Glück sogar mit Sawyer schlafen, wie die oft berechnend kühle Britin Charlotte in Jack Benders Folge „Recon“.

Das Drehbuch für Benders Inszenierung stammt diesmal von Elizabeh Sarnoff und Autor Neuling Jim Galaso. Dabei sind die beiden organisiert vorgegangen und haben mehr eine Einkaufliste als eine Geschichte geschrieben. Perfide wird darauf geachtet, dass auch nichts aus vergangenen Zeiten vergessen wird. Ebenso perfide und leider ebenso bisslos werden dann die Erinnerungsstücke abgehandelt. Drumherum gibt es noch zwei kleine Geschichten, die aber kaum etwas miteinander zu tun haben.

In den jüngsten Geschichten der Abschieds-Staffel waren das Gesehen auf der Insel und die Ereignisse in der zweiten Realität eng miteinander verwebt. Ben zum Beispiel ist endgültig zum Gutmensch geworden, Jack hat seine Entwicklung abgeschlossen und Kate sich ausnahmsweise mal für das Richtige entschieden. In „Recon“ fehlt so eine Verbindung völlig. Sawyer ist auf dem Festland Polizist. Einer von den Guten. Immer noch auf der Jagd nach dem Mann, der seine Familie zerstört hat, aber aus einem andere Lebensblickpunkt aus. Die Idee dazu ist ohne Zweifel eine bemerkenswerte. So hatte die Figur irgendwann einmal die Wahl zwischen der richtigen und der schiefen Bahn. Mit der Insel wurde es die schiefe Bahn. Ohne diese, hat er sich für die Seite der Gesetzeshüter entschieden. Aber da hört die Entwicklung auch schon auf. Sawyer will seinen Lebensfeind töten, wenn er ihn trifft, belügt seinen Partner was Dienstreisen angeht und kann immer noch nicht mit Frauen umgehen. Interessant wäre es doch gewesen, den Wandel zu vollziehen. Das „Ganz oder Gar nicht“-Prinzip. Die Aussage hier soll wohl sein, dass der Mensch vom innersten her nicht zu ändern ist, was auch passiert.

In der dritten Staffel gab es öfter mal den Ausdruck „Kurskorrektur“. Das alles ergäbe sogar Sinn, wenn es dadurch nicht auf tyrannische Weise die Figur zerstückeln würde. Am Ende der wohl letzten auf Sawyer zentrierten Episode weiß keiner, wer er nun eigentlich ist. Das kann man als gewollt auslegen, schließlich wusste man bei ihm nie wirklich woran man war, aber es macht die Erkenntnis nicht wet, dass es einen in der Studie über den Südländer kein Stück weitergebracht hat. Dazu ist die Jagd auf Erinnerungsstücke viel zu wichtig in dieser Episode.

Auf der Insel – auf der Sawyer immer noch der „Con Man“ ist als den wir ihn kennengelernt haben – sehen wir ihn irgendwann in den Käfigen von damals mit Kates Kleid in der Hand. Ein verlorener Blick, keinerlei Aussage und weiter geht es mit dem Auftrag. Sinnbild dieser Vorgehensweise ist aber wieder das Festland. Charlotte möchte nach dem Sex ein T-Shirt von ihrem Liebhaber, geht zur Kommode und sieht „Watership down“. Sie schaut einmal kurz rein und beachtet es dann nicht weiter. So ist die Vorgehensweise bei allen Erinnerungsstücken dieser Folge. Aufzeigen ja, es in die Geschichte einbinden, nein. Wieder etwas von der Einkaufsliste abgehakt. Nachdem es sich Sawyer bei Charlotte verscherzt hat, taucht er bei ihr mit einer großen Gelben Sonnenblume auf. Die hat er einst seiner großen Liebe Juliet geschenkt, jetzt wird sie grob zum Wiedergutmachen eines verpatzen One Night Stands missbraucht. Dass man dadurch der Symbolik jede Emotionalität nimmt geht in der großen Einkaufsliste gnadenlos unter.

Es sind viele Faktoren, die aus dieser Episode das machen, was sie ist. Eine Best Of Folge für Sawyer, die ihn am Ende halbgar und mit Kate als Gefasste zurücklässt. Die Glaubwürdigkeit nehmen sich die Autoren selbst durch Unstimmigkeiten, die es früher in der Serie so einfach nicht gab. Man möchte gar nicht fragen, wie lange vorher die Polizei am Anfang der Episode das Apartment umstellt hat, in dem sich Sawyer und seine Verdächtige zunächst vergnügen, bevor er das Codewort sagt und damit den Zugriff auslöst. Solche Dinge sind nicht schwerwiegend, machen aber ein Geschehen weltfremd.

Was fehlt am Ende noch? Das Codewort selbst. „LaFleur“. Einkaufliste komplett.


David Segler für LOST-fans.de