Jetzt wieder auf dem aktuellen Stand: Davids Analyse der neuesten LOST-Episode 6.10 ist nun ebenfalls verfügbar. Viel Spaß beim Lesen!



Deplaziert und Machtlos
Sie müssen sich wie im falschen Film fühlen, denn genau dort sind sie. Sun und Jin in Paul Edwards „The Package“.

In der ersten Staffel gab es diesen Moment, als der Koreaner Jin völlig unvermittelt auf den inzwischen toten Michael einprügelte, ihn fast in den tosenden Wellen ermordete. Seine Frau Sun stand zu dieser Zeit einige Meter entfernt, den Grund dieses Wutausbruches kannte sie genau. Doch sie zögerte zu handeln, erst gegen Ende der Episode mit dem schön mehrdeutigen Titel „...in Translation“ fasste sie sich ein Herz und sprach Michael auf die Uhr an, gab damit Preis, dass sie Englisch versteht. Durch ihr Handeln brachte sie ihre Figur weiter und löste zumindest teilweise ein Problem.

Knapp 100 Episoden und fünf Staffeln später gibt es schon wieder Missverständnisse, doch diesmal können weder Sun noch Jin etwas dagegen tun. Nicht mal Englisch können sie und sind so gefangen in einem Konstrukt aus Handlungen. Man stellt sich am Ende mehrmals die Frage, wieso gerade die beiden – und findet keine Antwort. Der Titel ist diesmal auch keine Sofia Coppola-Anlehnung und mit „The Package“ deutlich simpler, was wie sich leider rausstellt, zur Handlung passt. Graham Roland und Paul Zybisewksy haben das Drehbuch für den Lost-erfahrenen Regisseur Paul Edwards der jüngst Kates Geschehnisse in der alternativen Realität in „Whate Kate Does“ inszenierte. Kate konnte damals wieder einmal fliehen, Jin und Sun schaffen das nicht. Kurz nachdem das in der Parallelwelt nicht verheiratete Paar in einem Hotelzimmer eincheckt, werden sie schon von Dauerbedrohung Martin Keamy gestört, der 25.000 Dollar und die besagte Uhr fordert, die Michael damals schon fast früh das Inselleben gekostet hätte. Vorher ist noch kurz Zeit für Suns Vorschlag, einfach durchzubrennen. „Was du da sagst ist verboten!“, protestiert Jin, der sichtlich Respekt vor dem konsequenten Vater Suns, Mr. Paik hat. Die Gegenfrage ist einfach. „Willst du nun mit mir zusammen sein?“. Jin will, er wäre wohl mitgekommen. Wenn es doch nur so einfach wäre. Dich Roland und Zybesewski lassen den beiden in der ganzen Folge keine Chance, irgendetwas zu tun. Vorher kommt Keamy und treibt ein.

Die Uhr ist nicht das Problem, die 25.000 Dollar die am Flughafen abgegeben werden mussten, schon. Kaum ist der Hotelsex vorbei, kommt Keamy samt Handlanger Omar ins Zimmer und stört bei der nur gedachten Zigarette danach, die aus Sekt besteht.
Es ist beinahe müßig geworden zu erwähnen, wie großartig scheußlich Durand seiner Figur immer wieder Leben einhaucht. Er ist immer überfreundlich, doch sobald ein Partikel seines Plans nicht funktioniert, scheint er innerhalb von Sekunden umschlagen und vor allem zuschlagen zu können.

Das alles hilft leider nicht viel. Paul Edwards inszeniert zwar tatsächlich im Stile alter Zeiten, was herzlich nostalgisch ist und selbst die Autoren legen ihren Figuren wahre Worte in den Mund aber es täuscht nicht über die schwache Grundgeschichte hinweg. Auf der Insel wird Jin gefangen genommen und zu Charles Widmore gebracht. Doch es ist viel zu offensichtlich, dass es jeder andere hätte sein können. Da helfen auch keine herbeigezauberten Dharmakarten mit der sich der Koreaner angeblich so gut auskenne. Man brauchte eine Einleitung für das Cliffhanger-Paket Desmond und da die Geschichte auf Sun und Jin zentriert ist, nimmt man eben ihn.

Um die Wahllosigkeit zu verdeutlichen kann man wiedereinmal Drehbuchaltmeister Syd Field zitieren, der zwei Methoden vorschlägt, um ein Buch zu schreiben. Entweder man hat eine Geschichte zu erzählen und sucht sich Figuren, welche diese durchleben, oder man hat eine Figur zu erzählen und baut um sie herum eine Geschichte. Lost hat auf beeindruckende Weise beides verwebt – mit Ausnahmen wie diese. Jin und Sun sind gefangen und handlungsunfähig. Hatte Sun wie schon erwähnt damals noch die Wahl ihre Figur und die Handlung zu lenken, werden hier beide Figuren geführt, ohne Ausweg. Das war bisher nie Sinn der alternativen Realität. Jack hat sich selbst entschlossen zum Klavierkonzert seines Sohnes zu gehen – und gewonnen. Das koreanische Paar kann auch bedingt durch die Sprachbarriere rein gar nichts ausrichten.

Als Jin vor Widmore steht und er episch auf ihn einredet wirkt die Figur wie deplaziert. Wie Sun so schön sagt, ihr geht es nicht um irgendwelche Kandidaten, um Inselgötter, sie möchte nur zurück zu ihrem Mann. Doch am Ende finden sich beide wieder nicht, dabei wäre es besser gewesen, ihre Geschichte abzuschließen. Um die Wiedervereinigung in einem großen Finalmoment zu zelebrieren fehlt längst jegliche emotionale Verbundenheit zu den Figuren, eben auch weil in der alternativen Realität keine weiteren dramaturgischen Aspekte hinzukommen, über die sich die Figuren neu definieren könnten. Den Ansatz dazu – die gemeinsame Flucht – ersticken die Macher durch Keamy im Keim. Und es wird wohl kaum einer entsetzt aufgesprungen sein, als Sun am Ende mit einer Schusswunde im Bauch preisgibt, dass sie schwanger ist.

Am Ende ist es nichts als ein Worst Case Szenario für die beiden und das haben sie nicht verdient. Schließlich sind sie seit Stunde eins der Serie dabei. Sie hätten einen würdigen Abschied verdient und keinen noch so packend inszenierten Thriller im „Lost in Translation“-Land. Man hätte Sun wenigstens ein Ass im Ärmel geben können – wie das Wissen um die Uhr vor knapp 100 Folgen.


David Segler für LOST-Fans.de